in Publikumsschwund

Münchner Kammerspiele: die Besuchszahlen

Münchner Kammerspiele; Foto: Thomas Ledl, CC BY 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by/4.0, via Wikimedia Commons

Addendum: Es gibt einen weiteren Beitrag, der sich mit den Veranstaltungszahlen und Besuchen beschäftigt.

Der Vertrag der aktuellen Intendantin Barbara Mundel (67) der Münchner Kammerspiele läuft zum Ende der Spielzeit 2027/28 aus. Die Stellenausschreibung über die Kulturexperten (PDF), einem kommerziellen Vermittlungsportal für Kulturarbeit, hat für eine große Welle gesorgt, da anscheinend von den zuständigen Stellen in der Münchner Kulturpolitik niemand mit der Intendantin gesprochen hatte, ob sie selbst Interesse an einer Verlängerung ihres Vertrages habe. Mittlerweile hat die Intendantin in einer Pressemitteilung ihrerseits erklärt, dass sie an einer Verlängerung ihres Vertrages über 2028 hinaus kein Interesse mehr habe (Wortlaut bei nachtkritik.de). Die Bewerbungsfrist endet am 31.7.2026.

Barbara Mundel hatte einen schweren Start während der Coronazeit. Auch danach dauerte es, bis die notwendige Betriebstemperatur erreicht wurde. In der Presse wurden wiederholt die niedrigen Auslastungszahlen kolportiert, 2022/23 lag sie bei 57,5%.

Es gab dann ein paar notfallartige Rettungsmaßnahmen, die eingeleitet wurden, um den von der Intendantin eingeschlagenen Kurs zu korrigieren. Von einem Wechsel in der Dramaturgie ist die Rede und von Widerstand im Ensemble. Vor allem aber wurde 2024 von der Stadt München, als deren Eigenbetrieb das Theater ja firmiert, ein sogenannter Rat für die Kammerspiele eingesetzt, der die künstlerische Leitung unter Zugzwang setzte und zu einer Veränderung ihrer Spielplanpolitik brachte. Nach drei Jahren ziemlicher Düsterkeit – die Rede ist von mageren Auslastungszahlen um die 60 Prozent – waren zuletzt erste Lichtstrahlen sichtbar. 

Simon Strauss in der FAZ am 21.3.2026

Die Besuchszahlen für die abgelaufene Spielzeit 2025/26 sind hervorragend:

Rund 170.000 Besucherinnen und Besucher kamen in der gerade vergehenden Saison, die damit „die besucherstärkste seit der Datenerfassung von 2004“ ist.

Michael Stadler in der AZ, 11.6.2026

Warum das „die besucherstärkste seit der Datenerfassung von 2004“ sein soll, erschließt sich nicht ganz. Eine Datenerfassung gibt es seit vielen Jahrzehnten, z. B. in der Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins. Möglicherweise wurde 2004 das Ticketingsystem gewechselt und man sieht heute in den Kammerspielen die Daten bis zurück zum Zeitpunkt des Wechsels, aber das ist Spekulation.

Hinweis: Über Auslastungszahlen schreibe ich nicht gerne. Warum, erläutere ich hier (inkl. interaktivem Auslastungsrechner).

Licht im Dunkeln

In der Berichterstattung über Besuchs- und Auslastungszahlen herrscht i.d.R. eine gewisse Geschichtsvergessenheit. Man blickt gerne ein oder zwei Spielzeiten zurück, das große Ganze will oder kann man nicht sehen.

Um hier Licht ins Dunkel zu bringen, habe ich Zahlen aus der Theaterstatistik bis zurück zu 1998/99 extrahiert und zusammengestellt. Da die Münchner Kulturbehörde die Zahlen in ihren Jahresabschlüssen „Eigenbetrieb Münchner Kammerspiele“ immer inkl. der Gastspielzahlen (Auswärtige Besuche) und inkl. der Zahlen der Aufführungen der Otto-Falckenberg-Schauspielschule erfasst (in der Theaterstatistik nie separat erfasst), stelle ich in dieser Zusammenstellung die Gesamtzahl aus Besuchen am Standort und den auswärtigen Gastspielen dar. Das macht die Aufteilung in Sparten und die Vergabe von Frei- und Ehrenkarten leicht undurchsichtiger. Für die Konsistenz der Darstellung ist das hier aber angemessen. In meinen übrigen Auswertungen berechne ich immer die Zahlen der Besuche am Standort.

Die grünen Balken enthalten die reinen Zahlen fürs Schauspiel, die orangene Linie zeigt die Gesamtzahl der Besuche. Die Theaterstatistiken des Bühnenvereins für 2024/25 und 2025/26 liegen noch nicht vor, die Gesamtbesuchszahlen für diese Spielzeiten habe ich dem Berichtswesen der Stadt München entnommen.

Münchner Kammerspiele:
die Intendanzen seit Dieter Dorn

Um den Blick zu weiten, habe ich auch einige Spielzeiten früherer Intendanzen mit einbezogen: die Spielzeit 1998/99 unter Dieter Dorn (Intendant über 20 Jahre), 2004 wegen des Zitats von Barbara Mundel sowie die letzte Spielzeit 2008/09 von Frank Baumbauer vor der Übergabe an Johan Simons (der Einbruch 2000/01 erklärt sich durch die mehrjährige Renovierung des Schauspielhauses). Achtung: Nicht alle Spielzeiten seit 1998/99 sind erfasst, die Zeitreihe ist also nicht linear.

Münchner Kammerspiele 1998/99 bis 2025/26;
Quelle bis 2023/24: Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins

Wenn Barbara Mundel in der Presse zitiert wird, dass die Besuchszahlen der vergangenen Saison höher sind als 2004, dann stimmt das. Aber 1998/99 während der Hochzeit unter Dieter Dorn waren sie eben noch deutlich höher.

Der Rückgang der Besuchszahlen ist aber ein Stück weit normal. In meiner interaktiven Grafik zu den Besuchszahlen seit 19991/92 (!) sieht man für die Sparte Schauspiel in Bayern einen Rückgang von 24,5%:

Theaterstatistik seit 1991/92, Bayern, Schauspiel;
Interaktive Grafik

Auffällig ist die Entwicklung bei den „Ehrenkarten, Freikarten und Dienstplätzen“, die in der Theaterstatistik in einer Spalte gemeinsam aufgeführt werden. Hier der Vergleich der Besuchszahlen am Standort mit und ohne Ehrenkarten (in %):

Münchner Kammerspiele 1998/99 bis 2023/24;
Quelle bis 2023/24: Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins

Vor allem für die Spielzeit 2023/24 ist die Zahl mit 24% deutlich über der allgemeinen Entwicklung dieser Kategorie, wie ich in früheren Beiträgen (z.B. hier und hier) nachgewiesen habe.

Interessant ist auch die Entwicklung der Gastspieltätigkeit, die unter Johan Simons einen bemerkenswerten Höhepunkt erreichte.

Münchner Kammerspiele 1998/99 bis 2023/24;
Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins

Fazit

Ein Blick auf die Langzeitstatistik relativiert sowohl die Panikrufe der Krisenjahre als auch die aktuellen Jubelmeldungen. Vergleicht man die Zahlen mit den Glanzzeiten unter Dieter Dorn oder berücksichtigt den branchenweiten Publikumsrückgang im Schauspiel (-24,5 % seit 1991/92), wird deutlich: Die Münchner Kammerspiele bewegen sich im Rahmen einer veränderten Theaterlandschaft.

Barbara Mundel hinterlässt nach einem sehr schwierigen Start und späten Korrekturen ein Haus, das zahlenmäßig wieder auf festen Beinen steht. Die Aufgabe der Nachfolge ab 2028 wird es sein, dieses Publikum nicht nur über Freikartenkontingente und Sondermaßnahmen zu halten, sondern wieder eine langfristige künstlerische Strahlkraft aufzubauen.

Quellen

Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins

Stadler, Michael: Kammerspiele: Sparen in Zeiten der Rekorde, Abendzeitung, 11.6.2026

Gorkow, Alexander: Wir werden uns noch wundern, 9.7.2026 (Paywall)

Eigenbetrieb der Stadt München, Jahresabschluss 2024/25

Eigenbetrieb der Stadt München, Jahresabschluss 2023/24

Eigenbetrieb der Stadt München, Jahresabschluss 2022/23

Glaap, Rainer: Theaterbesuche seit 1991/92 (interaktive Grafik)

Anhang: Das Zahlenwerk

Für die Richtigkeit der Zahlen kann keine Verantwortung übernommen werden. Fehler bei der Erfassung sind nie auszuschließßen. Korrekturen und Ergänzungen gerne an den Autor.


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