
Der Markt für Konzert- und Eventtickets steht weltweit unter starkem Druck. Während in den USA eine neue Gesetzesinitiative Transparenz bei den Praktiken der Primäranbieter fordert, kämpft die deutsche Livebranche mit einem Offenen Brief für ein striktes Vorgehen gegen den Ticketzweitmarkt.
Beide Ansätze beleuchten wichtige Teilaspekte der aktuellen Krise – werfen aber auch die Frage auf, wo die echten Ursachen für die Probleme der Fans liegen.
1. USA: Der HOLDBACKS Act nimmt künstliche Verknappung ins Visier
In den USA hat die Kongressabgeordnete Nellie Pou den HOLDBACKS Act (Halting Organizers and Live-Event Distributors from Boosting Artificial Capacity with Known Seating Act) eingebracht. Die Gesetzesinitiative richtet sich gegen Praktiken großer Primärverkäufer und Veranstalter wie Ticketmaster:
- Das Problem der „Holdbacks“: Häufig wird beim offiziellen Vorverkaufsstart nur ein Bruchteil der eigentlichen Ticketkontingente freigegeben. Ein Großteil wird zurückgehalten – sei es für Sponsoren, VIPs, Presales oder zur gezielten Erzeugung künstlicher Verknappung (manufactured scarcity).
- Die Folgen: Fans sehen sich mit scheinbar sofort ausverkauften Kontingenten konfrontiert, was den Druck erhöht, auf teurere Resale-Angebote oder dynamische Preise (Dynamic Pricing) auszuweichen.
- Die Kernforderungen: Der Akt verlangt vollständige Transparenz vor Verkaufsstart darüber, wie viele Tickets tatsächlich öffentlich in den Verkauf gehen und wie hoch der Gesamtendpreis ist. Künstliche Zurückhaltungen zur Preissteigerung sollen explizit verboten werden.
2. Deutschland: Offener Brief von Pro Musik zur Regulierung des Zweitmarkts
In Deutschland hat das Bündnis Pro Musik (zusammen mit Verbänden wie dem BDKV und zahlreichen namhaften Künstler*innen) einen Offenen Brief an die Bundesregierung gerichtet. Darin wird eine rasche Umsetzung des im Koalitionsvertrag verankerten Schutzes vor Ticketspekulation gefordert.
- Die Probleme: Beklagt werden exzessive Preiszuschläge auf Zweitmarkt-Plattformen (wie Viagogo), der Einsatz von Bots sowie betrügerische Leerverkäufe.
- Die Forderungen: Ein gesetzliches Veranstalterrecht auf Kontrolle der Weiterverkaufskanäle, ein Deckel für den Weiterverkaufspreis bei maximal 25 Prozent Aufschlag auf den Originalpreis, das Verbot von Leerverkäufen und Bots sowie Transparenz- und Löschpflichten für Plattformen.
Pro Musik führt eine Reihe von Ländern an, in denen das Problem per Gesetz angegangen wurde, z.B. Groß-Britannien, Frankreich u.a.
Ein blinder Fleck? Warum der Blick auf den Zweitmarkt nicht ausreicht
Der Offene Brief* von Pro Musik benennt viele reale Probleme, die Fans den Konzertbesuch vermiesen. Dennoch greift die Argumentation zu kurz, da sie die Mitschuld der Primärverkäufer, Plattformen und der eigenen Branche weitgehend ausklammert:
- Drip-Ticketing und Intransparenz beim Erstverkauf: In der Initiative von Pro Musik ist von den verdeckten Gebühren, künstlicher Verknappung und Drip-Ticketing der großen Erstverkaufs-Plattformen keine Rede. Werden Tickets beim offiziellen Verkaufsstart erst stückweise freigegeben oder im Kaufprozess mit versteckten Zusatzgebühren belegt, treibt dies die Unsicherheit der Fans an – und befeuerte erst den Ausweichreflex in Richtung Zweitmarkt.
- Beteiligung von Künstlern und Veranstaltern am Zweitmarkt: Der Brief zeichnet oft ein stark vereinfachtes Bild von „Künstlern vs. bösen Spekulanten“. Die Realität im internationalen und nationalen Ticketing-Geschäft sieht mitunter anders aus:
- Eigenes Kontingent-Shifting: Sowohl Erstverkäufer als auch Veranstalter und teils Künstler*innen bzw. deren Management geben Kontingente direkt in den Zweitmarkt oder auf hauseigene Resale-Plattformen, da dort deutlich höhere Margen erzielt werden können.
- Standardisierte Zweitverwertung: Wenn Primäranbieter gleichzeitig eigene Zweitmärkte betreiben und an den Resale-Gebühren doppelt mitverdienen, verschwimmt die Grenze zwischen Primär- und Zweitmarkt zusehends.
Fazit
Man muss festhalten, dass die hohe Nachfrage bei einigen Künstlern zu hohen Preisen führt. Möglicherweise sind die Preise für Tickets für diese Künstler zu niedrig. Auch wenn eine solche Aussage zu Protest führt: es gibt kein Menschenrecht auf kostengünstige Tickets.
Der Kampf gegen Wucher auf dem Zweitmarkt ist notwendig. Er greift jedoch zu kurz, wenn die Praktiken des Erstmarktes – von Drip-Ticketing über Zurückhaltung von Kontingenten bis hin zur gezielten Verwertung auf dem Resale-Markt durch Branchenakteure selbst – ignoriert werden. Wirkliche Verbrauchertransparenz gibt es nur, wenn Erst- und Zweitmarkt gleichermaßen reguliert werden.
Möglicherweise braucht es weitere Rezepte für eine gerechte Verteilung bei hoher Nachfrage, z.B. über Verlosungen.
Quellen:
Clark, Dave: „Pou’s HOLDBACKS Act Targets Deceptive Hidden Ticket Inventory, Manufactured Scarcity„, TicketNews, 20.7.2026
ProMusik: Gegen Wucher und Betrug Tickets dürfen keine Spekulationsobjekte sein Regulierung des Ticketzweitmarkts – jetzt handeln (PDF), Mai 2026
*Mit Unterschriften von: Die Toten Hosen | Nina Chuba | Die Ärzte | AnnenMayKantereit | Johannes Oerding | Ikkimel | Thees Uhlmann | Bernd Stelter | Blond | K.I.Z | Beatsteaks | Kraftklub | Berq | Deichkind | Element of Crime | Kettcar | Einstürzende Neubauten | Michael Schulte | Stoppok | Von Wegen Lisbeth | Faber | Feine Sahne Fischfilet | Annett Louisan u.v.a.
Disclaimer: Bei der Erstellung dieses Textes wurde Google Gemini eingesetzt.
Ergänzung (23.7.2026): National Consumers League Pushes for “Gold Standard” Ticketing Reform at House of Representatives Hearing
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