in Publikumsschwund

Theater und Schauspieler unter den Nazis (Auszug aus Götz Alys „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 – 1945)

Goebels (links) et al. in einer Pause der Bayreuther Festspiele /
Bundesarchiv, Bild 183-C10332 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en, via Wikimedia Commons

Götz Aly schreibt seit vielen Jahren über den Nationalsozialismus und seine Auswirkungen auf die damalige Bevölkerung. Sein letztes Buch (2025) „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945“ behandelt erneut die Frage, warum die Menschen sich dem Nationalsozialismus nicht vermehrt in den Weg gestellt haben. In seiner Ankündigung schreibt der S.Fischer-Verlag:

Götz Aly zählt zu den bekanntesten Autoren zur Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust – hier stellt er die zentrale Frage: Wie konnte das geschehen?
In einer schweren Krise wurde die NSDAP 1932 zur mit Abstand stärksten Partei gewählt. Bald konnte sie die Macht übernehmen und auf wachsende gesellschaftliche Zustimmung bauen. Hitler brauchte den Krieg – das Volk fürchtete sich davor. Dennoch terrorisierten schließlich 18 Millionen deutsche Soldaten Europa. Wie kam es dazu? Warum beteiligten sich Hunderttausende an beispiellosen Massenmorden?
Die Antwort ist vielschichtig. Die NSDAP versprach den Deutschen Aufstieg und Wohlstand, zugleich hielt man die Menschen in Bewegung, keine Atempause, keine Zeit zum Nachdenken, so ging es Richtung Krieg. Als der Glaube an einen Sieg nachließ, wurde aus der Volksgemeinschaft eine Verbrechensgemeinschaft. Jeder konnte wissen, welche Schuld die Deutschen auf sich luden, die Angst vor dem, was nach einer Niederlage geschehen würde, wurde bewusst geschürt.
Götz Aly schildert in einer fesselnden Erzählung die Herrschaftsmethoden, mit denen die NS-Machthaber Millionen Deutsche in gefügige Vollstrecker oder in vom Krieg abgestumpfte Mitmacher verwandelten – und von denen nicht wenige beängstigend aktuell sind. 

Im Perlentaucher findet sich eine ausführliche Besprechung mit Presseecho. Der Verlag stellt kostenlos eine ausführliche Leseprobe bereit. Auch der Perlentaucher stellt eine ganze Anzahl von Beiträgen mit Leseproben zur Verfügung.

Hier nun einige Zitate aus dem Kapitel VII: Mit Brot und Spielen in den Krieg (weitere Textstellen beim Perlentaucher).

Vor diesem Hintergrund wird sichtbar, mit welch exorbitanten Honoraren und Steuervergünstigungen Goebbels diejenigen bedachte, die seine Theater und Kinos, Freilichtbühnen und Konzertsäle mit den erwünschten Gesinnungs-, Durchhalte-, Hass- und – vor allem – Unterhaltungsproduktionen bespielten. Die durchschnittliche Monatsgage für die Schauspieler am Deutschen Schauspielhaus Hamburg lag in der Saison 1942/43 bei 823,37 RM. Heinz Hilpert (1890-1967), 1934 als Nachfolger des vertriebenen Max Reinhardt am Deutschen Theater in Berlin eingesetzt, erhielt 1941/42 ein Jahressalär von 60 000 RM. Der höchst populäre Schauspieler Heinrich George (1893-1945) lag in derselben Preisklasse. Der Bühnenbildner und Brecht-Freund Caspar Neher brachte es immerhin auf 14000 RM und konnte sich 1942/43 um 2800 RM steigern. Eine der Spitzenverdienerinnen, die Schauspielerin Paula Wessely (1907-2000), freute sich über mehr als 100 000 Reichsmark pro Jahr, allein für den Spielfilm »Heimkehr«, der die Umsiedlung der Wolhyniendeutschen glorifizierte, bekam sie 1941 zusätzlich eine Gage von 150 000 RM. Viktor de Kowa (1904-1973) lag bei 100 000 RM. Wesselys Ehemann, der Schauspieler Attila Horbiger (1896-1987) musste sich mit 60000 RM begnügen. Nur einer übertraf alle drei locker: Generalintendant Gustaf Gründgens mit seinem Grundgehalt von 150 000 Mark pro Jahr plus einer steuerfreien Aufwandsentschãdigung von 50 000 Mark.

[…]

Zwischen 1934 und 1942 verdreifachte Goebbels die Zuschusse für Staats-, Stadt- und Wandertheater, hinzu kamen erhebliche Zuschüsse der Städte und Landkreise. Davon profitierte die in Deutschland traditionell vielfältige Theaterlandschaft insgesamt. So konnte das Lippische Landestheater in Detmold seinen Etat zwischen 1937 und 1942 verdoppeln, die Anzahl der Aufführungen verdreifachen. Auch stieg das Zuschauerinteresse rasant an: Verzeichnete die Saison 1932/33 noch 30 000 Besucher, waren es 224 000 in der Saison 1943/44.

Im Vergleich zu 1928, dem besten Jahr der Weimarer Zeit, verdoppelten sich im katholischen Münster die Subventionen für das Städtische Theater.

In der Arbeiterstadt Gelsenkirchen verzehnfachten sich die Theatersubventionen zwischen 1933 und 1943.

In gewiss selbstrechtfertigender Absicht veröffentlichte Gustaf Gründgens 1946 den kleinen Bericht »Zur Soziologie des deutschen Schauspielers«. Darin schreibt er, während der Hitlerjahre sei die Zahl der bestehenden Theater fast verdoppelt worden.

Zum Vergleich einige „normale“ Einkommen:

Es fehlt noch ein kurzer Blick auf die vom staatlichen Wohlwollen abhängigen Eliten. Um die reale Einkommensspreizung genauer zu erkennen, seien vorab die damals üblichen Löhne und Gehälter abhängig Beschäftigter kurz wiederholt. Im Jahr 1939 verdiente ein Arbeiter – dazu zählte die Hälfte aller Erwerbstätigen – durchschnittlich 39,24 Reichsmark brutto pro Woche, pro Jahr also 2050 RM. Im Bergbau verdiente man etwas mehr, in der Forstwirtschaft etwas weniger. Angestellte brachten damals im Durchschnitt 2770 RM brutto pro Jahr nach Hause. Ein Regierungsrat bekam rund 5000 RM jährlich, Inspektoren, Amtmänner usw. deutlich weniger.

Sicherlich wird den Wenigsten bekannt sein, woher Hitler die Mittel zu diesen teils großzügigen Unterstützungen hatte, für die er lt. Aly zumindest gelegentlich in seine Privatschatulle griff:

Aber woher hatte Hitler das viele Geld, sofern er zumindest gelegentlich auf sein »Privatvermögen« zurückgriff? Es stammte zum einen aus den Honoraren für seinen Bestseller »Mein Kampf«, zum anderen aber aus den Briefmarken mit seinem Porträt. Im Gegenzug für die Nutzung seiner Persönlichkeitsrechte erhielt er einen bestimmten Prozentsatz aus dem Verkaufserlös der Briefmarken. Wie die Historiker Gerd Ueberschär und Winfried Vogel schreiben, überreichte Postminister Wilhelm Ohnesorge (1872-1962) Hitler in der Regel zu
dessen Geburtstag einen stattlichen Scheck aus den Bildrechten der millionenfach verkauften Hitler-Briefmarken – einmal sollen es über 50 Millionen Reichsmark gewesen sein, wie Albert Speer und Hitlers Leibfotograf Heinrich Hoffmann später bezeugten.

Leider ist es mir (noch) nicht gelungen, Theaterstatistiken in großem Umfang aus der Nazizeit zu finden. Ist aber sicher ein lohnendes Studienobjekt.

Quelle:

Aly, Götz: Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945, S.Fischer, 2025

PS: Wie tief die Verstrickung von Kunst, Macht und Nationalsozialismus in Deutschland bis heute nachwirkt, zeigte sich im Sommer 2026 bei den Bayreuther Festspielen. Nach einer kontroversen Debatte und kurzzeitigen Ausladung hielt der jüdische Publizist Michel Friedman dort die viel beachtete Rede „Verstummte Stimmen“. Unmissverständlich äußerte er sich zu den Verstrickungen der Familie Wagner mit Adolf Hitler. Friedmans Abrechnung mit jahrzehntelanger Verdrängung und sein Appell für eine radikale Aufarbeitung des Antisemitismus schlagen eine Brücke zu den Analysen von Götz Aly: Beide mahnen, dass die Mechanismen des Mitläufertums und der ideologischen Verblendung niemals in Vergessenheit geraten dürfen. Zahlreiche Medien berichteten, z.B. BR Klassik unter dem Titel Vielfalt statt Einfalt und der Journalist Axel Brüggemann in seinem Blog backstageclassical unter dem Titel Diktator sind wir alle.


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