
Auf einer der Konferenzen, die ich für meinen damaligen Arbeitgeber von 2006 bis 2019 jedes Jahr moderiert habe, sprach mich 2011 oder 2012 der Geschäftsführer des Düsseldorfer Schauspielhauses, Manfred Weber, an.
Bei ihm fände in einigen Wochen ein Treffen mit chinesischen Theatermachern statt, ob ich nicht Lust hätte zu kommen und einen Vortrag über Ticketing zu halten. Das wäre für die Chinesen sicher sehr interessant. Das fand ich spannend und sagte gleich zu.
Die Chinesen waren auf Einladung des Goethe-Instituts auf einer Deutschlandreise.
In China wurde viel gebaut, ganze Städte wurden aus dem Boden gestampft, inkl. Einkaufszentren und auch Theatern. Es fehlte dort aber an Erfahrung und Ideen, wie diese Theater bespielt werden sollten – dazu sollten die chinesischen Theatermanager auf einer Rundreise in Deutschland Ideen sammeln.

Foto: Rainer Glaap
Bei dem Treffen in Düsseldorf saß ich neben Prof. Siebenhaar von der Freien Universität Berlin, der sehr erfreut war, mich kennenzulernen. Endlich mal jemand, der mit Kultur Geld verdienen und marktorientiert arbeiten müsse. Es sei großartig, nicht immer nur die öffentlich-rechtlichen Subventionsempfänger hören zu müssen.
Ich hielt meinen Vortrag, die Chinesen hörten artig zu, wir tauschten Visitenkarten aus – ohne Erwartung, dass weitere Treffen oder Aktionen folgen würden.
Aber ein paar Wochen später bekam ich einen Anruf von Prof. Siebenhaar aus Berlin. Ob ich Lust und Zeit hätte, einen Workshop in Theatermarketing an der Theatre Academy in Shanghai zu unterrichten. Das Goethe-Institut habe über seine Vermittlung Interesse daran gezeigt, meine Kenntnisse in China zu vermitteln. Die Reise würde selbstverständlich bezahlt, ein kleines Honorar gebe es auch.
Ich würde gemeinsam mit Manfred Weber vom Düsseldorfer Schauspielhaus reisen, der über Stadttheaterorganisation sprechen würde und einem Mitarbeiter einer Softwarefirma für Theaterdisposition aus dem Pfälzischen.
Wenn ich Material hätte, würde das Goethe-Institut die Übersetzung bezahlen. Die Reise sollte eine Woche dauern.
Das war ein unerwartetes Ergebnis meines kleinen Vortrags. Ich wollte schon immer gerne nach China reisen, hatte es aber nie zu mehr als 2 Nächten in Hongkong gebracht, wovon ich eine todkrank im Bett lag und einen angesetzten Vortrag für meinen damaligen Arbeitgeber verpasst hatte.
Ich reichte mein Manuskript über Ticketing ein, das ich für ein Buch über Theatermarketing von Prof. Armin Klein auf seine Einladung geschrieben hatte. Die Übersetzung erreichte mich noch vor dem Abflug. Über den Inhalt kann ich bis heute nichts sagen, ich habe immer noch kein Chinesisch gelernt. Hier mein Vorwort aus dem Faust:

Faust, Vorrede auf dem Theater (s.u.)
In Shanghai wurde ich abgeholt von einem Taxifahrer, der mich gleich so ansprach: „Ti amo, Je t’aime, I love you“. Das war etwas befremdlich – aber das letzte, was an Fremdsprachenkenntnissen von seiner Fortbildung für die Expo im Jahr zuvor übriggeblieben war.
Die Fortbildung am Institut bestand aus 2 Seminartagen zu Aufbau- und Ablauforganisation eines deutschen Stadttheaters durch Manfred Weber, 2 Tagen Ticketing, Kundenbindung und CRM für Kultureinrichtungen und einem Tag Vorstellung der Dispo-Software. Wir trafen auf ca. 30 Studierende, die und und unserem Simultandolmetscher wissbegierig, aber mit wenig Verständnis zuhörten.
Die zentrale Frage nach Manfred Webers Vorstellung von Spielplangestaltung und Programmplanung war: Was sagt denn die Zentralregierung dazu? Es war den Teilnehmern kaum begreiflich zu machen, dass die Theater in absoluter künstlerischer Freiheit agieren und es keiner Genehmigung von Spielplänen und anderen Entscheidungen bedarf.
Auch mir hörten sie geduldig zu, schüttelten aber immer wieder den Kopf. Auswertungen von Ticketing-Daten, Kundensegmentierungen und Kundenbindungsaktionen fanden kein Verständnis. Das sei in China alles überflüssig, schließlich entscheide doch eh die Brigade, wer eine Vorstellung besuchen müsse („Beziehungsgeschenke“ (Guanxi)).
Der Austausch war natürlich trotzdem freundschaftlich und respektvoll. Wir hatten Gelegenheit, uns szenische Proben mit Ausschnitten von Peking Opern in der Academy anzuschauen und lernten einiges über die in Jahrhunderten festgelegten Gesten und Bewegungen und Kostüme der Peking Oper, die an der Academy hauptsächlich unterrichtet wurde.

Shanghai
Abends wollte ich ausgehen und Shanghai kennenlernen. Die beiden Kollegen waren zuerst etwas zurückhaltend und hatten Sorge, dass wir möglicherweise nicht mehr ins Hotel zurückfinden würden. Ich war aber nicht bereit, die Abende an der Hotelbar zu verbringen und machte das Angebot, sie mitzunehmen. Mit einer Visitenkarte unseres Hotels müsste uns doch jeder Taxifahrer ohne Probleme wieder zurückbringen können.
“Die Deutschen erzählen den Chinesen, was sie oft erzählen: Wie deprimierend es sei, dass es im Staatstheater fast nur noch um Zuschauerzahlen gehe. Wir haben zu viel Markt, sagen sie.
Ach ja?, fragen die Chinesen. Bei uns ist das anders: Im Staatstheater geht es nicht um Zuschauerzahlen. Sondern um das, was die Bonzen sehen wollen. Wir haben zu wenig Markt, sagen sie.”
GEO, 2016, Aus der Reportage über ein Siegfried-Gastspiel (R: Antú Romero Nunes) des Thalia-Theaters in China im Jahr zuvor.
Essen gehen war immer ein Abenteuer. Einen Abend gestaltete sich die Auswahl besonders schwierig, weil im ausgewählten Restaurant keine englische Speisekarte existierte. Wir zeigten schließlich auf Gerichte bei Tischnachbarn, worauf der Kellner klar ablehnte und uns zu verstehen gab: No Dog!
Wir waren in einem kantonesischen Restaurant gelandet, in dem auch Hundefleisch zubereitet wurde. Es war aber klar, dass das westlichen Touristen besser nicht serviert werden sollte. Wir bestellten eine Handvoll anderer Gerichte und waren sehr zufrieden.
Shakespeare
Einen Abend sahen wir so eine Shakespeare-Inszenierung von englischsprachigen Expats.
Besuch einer Vorstellung
An einem weiteren Abend wollte ich eine richtige Vorstellung einer Peking-Oper sehen. Bei Theater der Welt ’81 (ich war Mitglied des Orga-Teams) hatten wir mehrere Peking-Oper-Vorstellungen auf dem Programm gehabt – die ersten Vorstellungen im Westen nach der Kulturrevolution, in der die „bürgerlichen“ Künste beinahe vollständig eliminiert worden waren.
Wir fanden den Weg zum Theater mit der U-Bahn ohne Probleme. Die Abendkasse verfügte über einen in die Theke eingelassenen Bildschirm für die Sitzplatzauswahl. Das hatte ich noch in keinem europäischen oder amerikanischen Theater gesehen. Wir bekamen problemlos drei Karten und fanden schnell unsere Sitzplätze.

Die chinesischen Besucher hatten sich Snacks und Getränke mitgebracht. Über den Verzehr während der Vorstellung schien generelle Einigkeit zu herrschen. Nach zwanzig Minuten bemerkten wir eine Unruhe im Zuschauerraum links von uns. Besucher fingen an sich zu schubsen, Essen und Verpackungen flogen durch die Luft, laute Worte fielen.
Schließlich griffen Service-Mitarbeiter ein, die Vorstellung wurde unterbrochen. Wir hatten natürlich keine Ahnung, woher diese Unruhe kam. Zum Glück saß neben mir eine Frau, die mich auf englisch ansprach, sie würde uns gerne erklären, was gerade passiere, wenn ich Interesse hätte. Einige Zuschauer waren wohl mit dem Ablauf dieser speziellen Inszenierung nicht einverstanden, die Regie hätte eine Arie gestrichen. Andere Zuschauer fanden das in Ordnung, daran habe sich ein Streit entzündet.
Nach einer Weile trat eine der Darstellerinnen gemeinsam mit einem jungen Mann vor den Vorhang. Die beiden erklärten, dass dieses Stück unterschiedliche Abläufe zulasse und dass die „fehlende“ Arie zu einem späteren Zeitpunkt gegeben würde. Darauf beruhigten sich die Zuschauer und die Vorstellung wurde fortgesetzt.
“es gibt ein theaterkonzept zu sehen das inhaltlich und formal auf der peking oper beruht mit ihr aber so viel zu tun hat wie ein jeep cherokee mit den gleichnamigen ausgerotteten indianern”
Armin Petras: “China also, eine Reise”, 2011 in “theater heute” (Paywall).

Als wir am nächsten Tag diesen Vorfall in der Akademie berichteten, wollten uns die chinesischen Teilnehmer diese Geschichte nicht glauben. Ein solcher Vorfall in einem chinesischen Theater sei ausgeschlossen. Nun denn…
Am letzten Abend wurden wir vom deutschen Konsul zu einem traditionellen chinesischen Essen eingeladen. Auf einem großen runden Tisch mit einer großen Drehplatte in der Mitte wurde eine Vielzahl von Gerichten aufgefahren, ständig wurden Schüsseln mit neuen Speisen nachgelegt. Nur bei einem Gericht, dass mir der Konsul, neben dem ich saß, besonders empfahl, musste ich passen: gekochte Hühnerfüße. Er nagte genüsslich die gequollene Haut von den Füßen ab, ich drehte die Platte schnell weiter.
Professor Siebenhaar lud mich danach regelmäßig jedes Jahr einmal ein, für die Student:innen seines Masterstudiengangs Kulturmanagement an der FU Ticketing & Vertrieb zu unterrichten.
Meist fiel das Seminarwochenende in die Zeit der Berlinale, so dass ich fast jedesmal am Sonntagnachmittag nach Seminarende zur technischen Abnahme der Einrichtung des Ticketings für die Berlinale fahren konnte.
Manfred Weber und ich sind seitdem befreundet und haben in diesem Mai gemeinsam ein kleines Projekt auf die Bühne gebracht auf der Basis meines Buches über das Theaterlexikon von 1841 (Coulissen, Claquere und Censoren): „Küssen verboten!“ (Bericht)
Anhang
Das Original aus dem Faust (Vorrede auf dem Theater):
Denn freilich mag ich gern die Menge sehen,
Wenn sich der Strom nach unsrer Bude drängt,
Und mit gewaltig wiederholten Wehen
Sich durch die enge Gnadenpforte zwängt;
Bei hellem Tage, schon vor vieren,
Mit Stößen sich bis an die Kasse ficht
Und, wie in Hungersnot um Brot an Bäckertüren,
Um ein Billet sich fast die Hälse bricht.
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