
| Disclaimer: Der Autor war 1981 Teil des Teams von „Theater der Welt ’81“, das gemeinsam vom Internationalen Theaterinstitut und den Bühnen der Stadt Köln durchgeführt wurde. In der Folge wurde dem Autor eine Regiehospitanz bei einer Inszenierung von Jürgen Flimm angeboten. Mit dem Theater Deutz war der Autor in den Folgejahren häufiger Gast in der Schlosserei. |
| Auf einen Blick / Executive Summary Nach der 1,5 Milliarden Euro teuren Sanierung kehren die Bühnen Köln 2026 mit einer riskanten Doppelstrategie an den Offenbachplatz zurück: Neben deutlich höheren Basispreisen wird erstmals Dynamic Pricing eingeführt, wodurch sich Tickets bei hoher Nachfrage verteuern können. Ob diese Preisoffensive die Finanzen angesichts eines drastischen Publikumsschwunds von 80% seit 1966/67 wirklich saniert oder die soziale Hürde zu hoch ansetzt, bleibt eine der wichtigsten Fragen für die kommende Spielzeit. |
Vorbemerkung
Vor einigen Tagen erreichte mich eine Anfrage von WDR 3 zu einem Interview in der Sendung Mosaik zu den Preisplänen der Bühnen der Stadt Köln (Sendezeit: 3.2.2026, 8:05 Uhr; leider nicht online in der Mediathek verfügbar). Für die Vorbereitung habe ich die folgenden Informationen und Daten zusammengestellt.
Alles neu?
Die Bühnen der Stadt Köln renovieren seit der Spielzeit 2012/13 Oper und Schauspiel am Offenbachplatz. Für die Zeit der Renovierung sind sie in Zwischenspielstätten auf der anderen Rheinseite gezogen. Die Renovierung sollte längst abgeschlossen sein. Nun besteht begründete Hoffnung, dass im September 2026 die renovierten Spielstätten bezogen werden können. Die Kosten für die Renovierung sind von ursprünglich geplanten ca. 250 Mio € auf ca. 1,5 Mrd. € angestiegen (Kölner Stadtanzeiger). Mehr Informationen zu den Baumaßnahmen und dem Zeitplan finden sich auf einer Website der Bühnen Köln unter https://sanierung.buehnen.koeln/de/fakten.
Für diese im Herbst beginnende neue Spielzeit hat die Kulturbehörde der Stadt Köln eine neue Preisliste vorgelegt (Ratssitzung am 5.2.2026), in der im Vergleich zu früher die Preise deutlich angehoben sind. Die Eintrittspreise werden in 15 Preisgruppen (von A bis O) eingeteilt mit jeweils 7 Platzkategorien für die Oper und 5 für das Schauspiel im Großen Haus. Beratend in diesem Prozess war wohl die Unternehmensberatung actori in München (Disclaimer: Der Autor hat in der Vergangenheit gelegentlich am Lehrstuhl des Gründers der Agentur, Prof. Maurice Lausberg, Vorträge über Ticketing gehalten.)
Die Preisgruppen gelten, wie in vielen anderen Häusern auch, für unterschiedliche Veranstaltungstypen. Die Platzkategorien beziehen sich auf die Sicht auf die Bühne (je schlechter die Sicht, desto günstiger die Tickets). In der teuersten Preisgruppe O liegen die Platzkategorien zwischen 38€ und 128€, in der günstigsten Preisgruppe A zwischen 28€ und 10€.

Ungewöhnlich in einer öffentlich vorliegenden Unterlage zur Preisgestaltung ist die Darstellung, wie die Maximaleinnahme (oder der Massettenwert) einer Veranstaltung über die Preisgruppen aussieht. Lesebeispiel:

Nach wie vor soll es günstige Tickets geben für Kinder und Jugendliche, Studierende und andere Zielgruppen. Die Kölnische Rundschau schreibt dazu:
Doch es geht auch günstiger: Junge Menschen bis zu 27 Jahren können für einen Euro eine „U27 Card“ erwerben. Dann zahlen sie „10 Euro für Einzelkarten in allen Sparten, auf ausgewählte Kontingente für spezielle Veranstaltungen“. Die „U 30 Card“ (für 29 Euro) gewährt 30 Prozent Rabatt.
Für alle Altersgruppen werden eine „Card 10“ (Kosten: 25 Euro,10 Prozent auf Einzelkarten) und eine „Card 20“ (Kosten: 49 Euro, Rabatt: 20 Prozent) angeboten. Und wer nicht allein ins Theater oder die Oper geht: Mit der kostenlosen „Card Plus“ bekommt man für vier Veranstaltungen 15 Prozent pro Ticket erlassen. Hinzu kommen natürlich wie bisher unterschiedliche Abonnement-Angebote.
Dynamische Preisgestaltung (DP)
Dynamische Preisgestaltung sehen Autofahrer täglich an den Zapfsäulen, Bahnfahrer wissen: früh buchen spart Geld. Pauschalreisen haben unterschiedliche Preise je nach Abflugort und hängen häufig an den Ferienterminen der Bundesländer, Hotelpreise steigen ins Unermessliche, wenn eine vielbesuchte Messe in der Stadt stattfindet.

Aber im Theater?
Ganz neu und möglicherweise erstmalig in einem deutschen Stadt- oder Staatstheater ist der Ansatz der Bühnen der Stadt Köln, die Preise abhängig von der Nachfrage zu gestalten*. Diese Strategie wird „Dynamic Pricing“ genannt. In kommerziellen Zusammenhängen ist diese Preisgestaltung durchaus üblich, so z.B. beim „König der Löwen“ in Hamburg (s. Miserre). Die New York Times berichtete mit Erstaunen im März 2014:
How did “The Lion King” turn around its once-shaky fortunes and become the top-grossing show on Broadway in 2013, an unprecedented feat for long-running musicals, which usually cool after a few hot seasons? Hint: It’s not because it added performances after 16 years.
Die Dynamisierung soll in Köln laut Beschlussvorlage so aussehen:
- Ab 70 % Auslastung kann ein Platz 10 % teurer werden
- Ab 90 % Auslastung 20 % teurer
- Bei schwacher Nachfrage können Preise auch sinken
- Die beiden günstigsten Platzkategorien werden nicht dynamisiert, es soll immer günstige Tickets geben
- Bei geringerer Nachfrage können die Preise um 10% bzw. 20% gesenkt werden.
Weitere Einzelheiten zur Dynamisierung sind in der Beschlussvorlage nachlesbar.
Rechenexempel: Wenn also bereits 70% der Karten zu festen Preisen verkauft sind, weitere 20% mit einer Erhöhung von 10% und die letzten 10% der Karten weitere 10% im Preis anziehen (unter Ausschluss der beiden günstigsten Preiskategorien): Wie viel mehr Umsatz kann da generiert werden? Für die exakte Berechnung der möglichen Mehrerlöse werden genaue Angaben zur Anzahl der Plätze und Reihen in den Platzkategorien benötigt, die mir leider nicht vorliegen. Offen ist auch die Frage, ob die Dynamisierung nach den o.a. Regeln schon auf die Maximaleinnahmen angewandt wurde.
In der Presse wird auch immer wieder ausführlich über den Einsatz von Dynamic Pricing im Zusammenhang mit Superstars wie Taylor Swift, Bruce Springsteen, Oasis und anderen berichtet (s. diesen Beitrag im Guardian). Jüngstes Beispiel: Die gerade angekündigte Tournee von Harry Styles. Viele Fans sind sehr ungehalten, weil der Preis bei hoher Nachfrage genau das tut, was der Name sagt: er steigt dynamisch bei hoher Nachfrage. Leider geschieht dies schon auf dem Weg von der Anmeldung bis zum Warenkorb, nach Berichten vieler Fans verdoppeln oder verdreifachen sich die Preise. Offenbar ist es dann auch sehr schwierig, zu diesem Zeitpunkt wieder aus dem Kaufprozess auszusteigen – und die vielfach teuren Tickets werden gekauft. Diese Exzesse sind in Köln mit den o.a. Begrenzungen sicher nicht zu erwarten.
Exkurs: Warum gibt es überhaupt Dynamic Pricing? Bei den o.a. internationalen Stars (und vielen weiteren) gibt es schon immer das Problem des Schwarzmarkts, heute beschönigend „Zweitmarkt“ genannt (engl.: ticketing touting, scalping). Broker kaufen so viele Tickets wie möglich zum Nennpreis und verkaufen sie wegen der hohen Nachfrage zu einem höheren Preis weiter. Die Differenz fließt in die Taschen der Broker, weder Künstler noch Veranstalter verdienen daran mit. Der Schwarzmarkt existiert seit Jahrhunderten, wie der Kerry Segrave in seinem Buch „Ticket Scalping – An American History 1850 – 2005) schreibt. Bisher sind faktische alle Versuche, den Schwarzmarkt auszutrocknen, erfolglos geblieben.
Durch DP kann man während des Verkaufsvorgangs die Nachfrage einschätzen und als Veranstalter oder Ticketing-Anbieter die Preise dynamisch anheben (eine Absenkung der Preise wäre bei mangelnder Nachfrage ebenfalls möglich, wird aber selten beobachtet). Dieses Phänomen ist den USA beim Monopolisten Live-Nation/Ticketmaster sehr häufig zu beobachten. Derzeit laufen in den USA Bemühungen des Senats und des Kongresses, diesem Vorgehen Einhalt zu gebieten (mehr Infos z.B. hier). Da durch DP schon sehr hohe Preise abgeschöpft werden, bleibt für den Schwarzmarkt keine so hohe Handelsspanne und die Schwarzmarkthändler verlieren möglicherweise das Interesse am Weiterverkauf.
In einem aktuellen Beitrag auf Kulturmanagement.net schreiben Filippo Scanzano und Christian Kluge von Smart Pricer:
Bekannt aus Luftfahrt, Hotellerie oder Sport, findet es zunehmend auch im Kulturbereich Anwendung. Dabei geht es um gezielte Steuerung: Nachfrage glätten, Frühbuchungen belohnen, Auslastung optimieren.
Warum wollen die Bühnen der Stadt Köln also ein Verfahren adaptieren, das in der Unterhaltungsbranche bei Kunden einen eher zweifelhaften Ruf hat? Es geht sicher um die Einnahmen. Die Renovierung hat länger als ein Jahrzehnt gedauert, die Kosten haben sich vermutlich verfünffacht. Und die Besuchszahlen sind massiv gesunken. Durch höhere Ausgangspreise und die Dynamisierung der Preise bei hoher Nachfrage wird man sich stärkere Einnahmen erhoffen. Ob und wie dieses Rezept aufgeht, weiß heute natürlich niemand. Die Bevölkerung muss halt mehr ins Theater gehen und mehr Geld dafür ausgeben als bisher.
Viel wichtiger als die Preisgestaltung scheint die Frage nach der Relevanz der Angebote für breite Bevölkerungsschichten. So hat die Bertelsmann-Stiftung in Kooperation mit FORSA und dem Institut für kulturelle Teilhabeforschung (Berlin) schon 2023 in ihrem „Relevanzmonitor Kultur“ festgestellt:
Sowohl in der gesamten Bevölkerung als auch in der Generation der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 29 Jahren interessieren sich zwei Drittel gar nicht oder weniger stark für Theateraufführungen, klassische Musikkonzerte, Oper-, Ballett- und Tanzaufführungen. Vier von fünf Befragten gaben an, klassische Angebote wie diese in den letzten zwölf Monaten gar nicht wahrgenommen zu haben.
37 Prozent der Befragten waren noch nie in einem klassischen Musikkonzert oder in einer Oper-, Ballett- oder Tanzaufführung (Theateraufführungen: 10 Prozent). Viele 18 bis 29-Jährigen haben das Gefühl, das Angebot richte sich gar nicht an sie (43 Prozent) – sie fühlten sich dort fehl am Platz (39 Prozent). [Quelle s. u.]
Die Stadt Hamburg hat 2024 eine Studie zum Besuchsverhalten in der Hansestadt vorgelegt. Zu den Preisen befragt, gab es diese Erkenntnisse:
Die Besucherinnen und Besucher der Kultureinrichtungen schätzen die Eintrittspreise positiv ein: Auf die Frage, wie sie den Ticketpreis für die gerade besuchte Kulturveranstaltung beurteilten, gaben 61 Prozent der Befragten an, den Preis als angemessen zu empfinden. 24 Prozent fanden ihn sogar günstig oder sehr günstig.
Im Unterschied dazu gaben 36 Prozent der Nichtbesuchenden an, dass sie die Eintrittspreise für Kulturveranstaltungen zu teuer finden. Die Befragung ergab jedoch auch, dass die Preise oftmals gar nicht bekannt sind.“ [Quelle s. u.]
Ob und wie dynamische Preise die Finanzausstattung der Bühnen verbessern kann, wird man erst in den nächsten Spielzeiten feststellen. Entscheidend wird sein, ob das Publikum in Scharen (zurück)kommt.
Besuchsentwicklung Bühnen der Stadt Köln seit 1966/67
Um die Besuchsentwicklung der Bühnen historisch einordnen zu können, werfen wir einen Blick in die Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins. Seit der Ausgaben 1966/67 werden dort Besuchszahlen, Einspielergebnisse, Betriebszuschüsse etc. dargestellt.
Die Einträge in der Theaterstatistik sahen damals so aus:


(Daten lt. Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins, Zusammenstellung und Darstellung: Rainer Glaap)
Einige Besonderheiten: für einige Spielzeiten (z.B. 1995/96 sind in der Theaterstatistik keine Besuchszahlen im Kinder- und Jugendtheater hinterlegt). In dieser Spielzeit gab es als Familienstück „Die unendliche Geschichte“ nach dem Roman von Michael Ende. Möglicherweise wurden die Besuche auf das Opernhaus gebucht, obwohl der Bühnenverein eigentlich schon für 1972 eine getrennte Ausweisung der Besuche für das Kinder- und Jugendtheater empfahl (s. mein Buch „Publikumsschwund?“, S. 36). Die Spartendaten sind daher möglicherweise unscharf.
Nimmt man die Spielzeit 1966/67 als Maßstab und berechnet den Rückgang der Besuchszahlen durch, erhält man folgende Darstellung:

Der Rückgang erfolgte in Schüben. 1980 bis 1995 waren die Zahlen einigermaßen stabil, 1995-2010 sehen wir eine Stabilisierung auf einem niedrigen Niveau. 2011 war die letzte Spielzeit im Stammhaus, dann erfolgte der Umzug wegen Renovierung, der folgerichtig in der hier angezeigten Spielzeit 2015/16 deutliche Spuren hinterliess. Ein Rückgang von 50% ist nicht unüblich für diesen Zeitraum, ich habe die Entwicklung für Gesamtdeutschland in meinem Buch „Publikumsschwund?“ aufgezeigt. Köln verliert aber noch mal fast 30% zusätzlich. Dazu kommt die Pandemie (hier nicht dargestellt, weil nicht aussagekräftig). In 2022/23 setzt langsam die Erholung wieder ein. Neuere Zahlen liegen leider nicht vor, die nächste Theaterstatistik für 2023/24 wird im Frühjahr 2026 erwartet.
Hier noch eine weitere Darstellung mit Nullpunkt 1966/67:

Besuchszahlen und Intendanzen
Besuche im Theater hängen von vielen Faktoren ab. Die Kunst spielt sicher eine Rolle, also die Handschrift von Intendant:innen und Spartenleiter:innen und Regisseur:innen. Die folgende Grafik zeigt die Besuchszahlen im Verbund mit den Intendanzen/Leitungen für Schauspiel/Oper.

Michael Hampe für die Oper und die Herren Flimm/Pierwoß und Krämer haben das Haus auf einem hohen Niveau gehalten, dann folgten für einige Jahre die Generalintendanz von Günter Krämer mit einem deutlichen Einbruch 1995/96.. Der Abwärtstrend setzte sich dann fort. Wie bereits erwähnt war 2011/12 die letzte volle Spielzeit im eigenen Haus, dann folgten die Jahre „op de schäl Sick“**, also der falschen Rheinseite.
Der Fetisch Platzauslastung
Eine der wichtigsten Kennzahlen des deutschen Theatersystems ist die Auslastung. Immer wieder wird in Erfolgsmeldungen der Theater vermeldet, die Auslastung der vergangenen Saison bzw. des vergangenen Jahres habe bei so und so viel Prozent gelegen. Auslastung ist aber ein dehnbarer Begriff. In Theatern ist es durchaus Usus, bei nicht so gut laufenden Produktionen einen oder mehrere Balkone nicht in den Verkauf zu geben. Ein simples Rechenbeispiel zeigt, wie erfolgreich mit dieser Strategie Auslastungszahlen manipuliert werden können (aus meinem Buch „Publikumsschwund?“):

In Wirklichkeit wäre es besser, statt der Platzauslastung die finanzielle Auslastung in den Vordergrund zu stellen. Wieviel Prozent der Maximaleinnahmen (s.o.) wurden erreicht? Konnten die 100% überschritten werden, z. B. durch dynamische Preisgestaltung oder erneutem Verkauf von No-Shows (bezahlte Plätze, die nicht eingenommen wurden kurz vor Beginn der Vorstellung). Ein Vertreter der Stage Entertainment sagte dazu (Miserre, S. 134):
Unser Ziel ist die umsatzoptimale Auslastung unserer Shows. Früher galt als wesentliches Ziel, möglichst jede Show auszuverkaufen. Die Energie, die darauf verwendet wurde, die restlichen (Einzel-)Plätze für eine Veranstaltung zu verkaufen, überstieg um ein Vielfaches den Aufwand, mit dem Tickets für zukünftige Shows vertrieben wurden.
Dynamische Preisgestaltung kann die Verkaufskurve durch geeignete Maßnahmen u.U. so steuern, dass der Maximalwert schon vor der Vorstellung überschritten wird und zur Vorstellung noch einige Tickets verfügbar sind, die zu Höchstpreisen von Besucher:innen gekauft werden können, die unbedingt diese Vorstellung besuchen können, weil sie z.B. auf Reisen in der Stadt sind und gar keine andere Wahl haben als an diesem Abend ins Theater zu gehen.
Eine ausführliche Darstellung dieses Themas findet sich in „Digitales Ticketing“ von Glaap/Heilgenberg ab S. 141.
Einspielergebnisse in % und Betriebszuschuss pro Platz
Zuletzt werfen wir einen Blick auf die Ökonomie und stellen die Entwicklung der Einspielergebnisse und des Betriebszuschusses pro Platz dar.

Für 2015 und 2018 zeigt die Theaterstatistik keine Daten für den Betriebszuschuss pro Besuch und kein Einspielergebnis für 2015. Für die Bundesrepublik gilt im Vergleich: das Einspielergebnis lag 2015 bei 18,2%, 2018 bei 17,7% und 2022 bei 14,8%. Köln liegt da deutlich schlechter: weniger Besuche bedeuten natürlich auch weniger Einnahmen und damit höhere Zuschüsse pro Platz.
Ein interessantes Phänomen ist die Entwicklung von Frei-/Gebühren-/Steuerkarten und sonstigen rabattierten Karten. Ich habe das ausführlich in meinem Beitrag „Theaterstatistik: Ungesunde Entwicklung bei Gebühren-, Steuer-, Frei- und sonstigen rabattierten Karten“ dargestellt:

Die Theaterstatistik weist dazu für die Bühnen der Stadt Köln für die Spielzeit 2022/23 folgende Zahlen auf:

Im Schnitt wurden also 20,1 % der ausgegebenen Karten als rabattierte oder kostenlose Karten ausgegeben, deutlich mehr als die 17%, die im Bundesdurchschnitt ausgegeben werden. Die Abgabe dieser Karten ist in Köln durch eine „Geschäftsordnung über die Abgabe kostenloser bzw. ermäßigter Eintrittskarten bei den Bühnen der Stadt Köln“ (ergänzende Beschlussvorlage für die Sitzung am 5.2.2026) geregelt.
Der Preis von Eintrittskarten in der Kultur ist in Wirklichkeit nur für wenige Menschen ein echter Hinderungsgrund. Alle Studien zur Preisgestaltung von Kultureinrichtungen weisen darauf hin, dass der Preis nicht an erster Stelle genannt wird, wenn es darum geht, warum Menschen NICHT ins Theater oder Museum gehen. Oft wird ein vermeintlich hoher Preis als Barriere angegeben. Wenn nachgefragt wird, wie hoch der Preis ist, ist er nicht bekannt oder wird als viel zu hoch eingeschätzt. Es handelt sich also mehr um ein Kommunikationsproblem.
Der Elefant im Raum ist, wie so oft, die Kunst. Wenn das Angebot von Theater und Oper relevant ist und die Bevölkerung anspricht und nicht Querelen im Haus oder die Kosten der Renovierung alles andere überschatten, hat das Theater eine Chance, Publikum in den alten neuen Spielstätten zurückzugewinnen (die übrigens für die Besucherströme der 50er und 60er ausgelegt waren, mit denen so nicht mehr zu rechnen ist).
| Hinweis: Die Besuchszahlen der Bühnen der Stadt Köln werden auch im Statistischen Jahrbuch der Stadt gelistet. Für die beiden Spielzeiten 2005/06 und 2010/11 weichen die Zahlen im Statischen Jahrbuch leicht ab (2015: 1081, 2010: 8742). Erklärungen dafür ließen sich bisher nicht finden. |
* Kommerzielle Anbieter ohne staatliche Förderung nutzen dynamische Preise schon länger, darunter z.B. die Stage Entertainment mit ihrem Musical „König der Löwen“ und die Schmidt-Theater in Hamburg auf der Reeperbahn. In der Schweiz setzt wohl das Grand Théâtre de Genève DP ein, die genauen Hintergründe konnte ich aber bisher nicht recherchieren. In Deutschland planen wohl weitere Einrichtungen die Einführung von DP, darunter die Deutsche Oper Berlin.
** „Op de schäl Sick“ = Bei der Treidelschifffahrt wurden früher Schiffe von Pferden stromaufwärts gezogen. Da die Sonne von Süden blendete, trugen die Pferde auf der Sonnenseite (meist der rechten Rheinseite) oft Scheuklappen, damit sie nicht geblendet wurden. Sie sahen dort also „schäl“ (schielend/schlecht).
Quellen
Glaap, Rainer: „Dynamik Pricing im Kulturbetrieb„, 58. Treffpunkt Kulturmanagement, Online-Vortrag mit Diskussion, ca. 45 min, 30.9.2015
Glaap, Rainer: „Publikumsschwund? Ein Blick in die Theaterstatistik seit 1949„, Springer, 2024Glaap, Rainer: „Dynamic Pricing im Kulturbetrieb„, Online-Vortrag mit Diskussion im 58. Treffpunkt Kulturmanagement (30.9.2015)
Glaap, Rainer: „(Nicht-) Besucher-Befragung in Hamburg„, Blogbeitrag auf publikumsschwund.com, 21.8.2024
Glaap, Rainer: „Theaterstatistik: Ungesunde Entwicklung bei Gebühren-, Steuer-, Frei- und sonstigen rabattierten Karten“ Blogbeitrag auf publikumsschwund.com, 30.3.2025
Glaap, Rainer u. Heilgenberg, Martin: “Ticketing – There is more to it than meets the eye”; in: Pöllmann, Lorenz und Herrmann, Clara: Der digitale Kulturbetrieb. Springer, 2019. URL: https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-24030-1_7
Halliday, Josh: „European Commission to examine Ticketmaster’s ‘dynamic pricing’„, The Guardian, 4.9.2024
Healy, Patrick: „Ticket Pricing Puts ‘Lion King’ Atop Broadway’s Circle of Life„, The New York Times, 17.3.2014
Hendorf, Matthias: „Kölnerinnen und Kölner stehen fassungslos vor der Summe von 1,5 Milliarden Euro„, Kölner Stadtanzeiger, 28.3.2025
Hill, Axel: „Bühnen Köln setzen auf „Dynamic Pricing“ ab neuer Spielzeit„, 27.1.2026, Kölnische Rundschau
Miserre, Leonie: „Dynamic Pricing im Kulturbetrieb: Eine Machbarkeitsstudie am Beispiel der Staatsoper Berlin und der Stage Entertainment GmbH“, Berlin, 2016
Neufassung der Eintrittspreise und Rabatte sowie Änderung der Geschäftsordnung über die Abgabe kostenloser bzw. ermäßigter Eintrittskarten bei den Bühnen der Stadt Köln, Beschlussvorlage Rat, Sitzung am 29.1.2026
Relevanzmonitor Kultur, Bertelsmannstiftung, 2023 (kostenloses PDF)
Rickmann, Andreas: Neue Ticketpreise: Stadt plant Bahncard-Modell für Kölner Oper, verliebtinkoeln.com, 27.1.2026
Scanzano, Filippo u. Kluge, Christian: „Flexibel. Fair. Finanzierbar?„, Kulturmangement.net, Themenreise „Preise & Ticketing“
Segrave, Kelly: „Ticket Scalping – An American History 1850 – 2005“, 2007
Statistisches Jahrbuch der Stadt Köln, 2011
Theaterstatistik, Deutscher Bühnenverein, jährliche Ausgabe, 2017/18 bis 2022/23 sind online verfügbar, ältere Ausgaben auf Anfrage beim Bühnenverein
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