
Zwischen Klatschen und Klickzahl
Wer sich heute professionell mit Publikumsschwund und Besucherforschung befasst, stößt unweigerlich auf ein paradoxes Hindernis: Die Angst des Gastes vor der eigenen Geste. Während der Geiger Daniel Hope bereits 2010 mit seinem viel beachteten Buch „Wann darf ich klatschen?“ (Besprechung) versuchte, Schwellenängste abzubauen, offenbaren aktuelle Vorfälle die tiefe Kluft zwischen Tradition und Teilhabe. Ein markantes Beispiel lieferte ein Konzert der Bremer Philharmoniker unter Markus Poschner. Als dort türkische Erstbesucher, angelockt durch ein Gast-Ensemble aus Istanbul, nach dem ersten Satz einer Mozart-Sinfonie in Jubel ausbrachen, wurden sie vom alteingesessenen Abo-Publikum rigoros ausgezischt (mehr dazu in meinem Blogbeitrag).
Judith Pietreck liefert mit ihrer Kulturgeschichte des Applauses, „Zwischen Klatschen und Klickzahl – Eine Kulturgeschichte der Publikumsgeste Applaus“, das notwendige wissenschaftliche Fundament, um diese Spannungen zu verstehen (der Text wurde ursprünglich als Dissertation unter dem Titel „„Applaus, Applaus! Zur Kulturgeschichte des Klatschens und der (Ohn-)Macht des Publikums“ eingereicht).
Da Applaus ohne Publikum nicht denkbar ist, gibt sie zu Beginn ihres Buches einen ausführlichen Überblick über die Forschungsgeschichte die Themen Publikum und Applaus, sowohl etymologisch als auch begriffsgeschichtlich.
Im Theaterlexikon von 1841 (hier meine Bearbeitung) heißt es dazu:
Applaudiren (vom Lat.),
Beifall klatschen, durch Zusammenschlagen der Hände Beifall bezeigen; das Gegentheil von: zischen, pochen, was Mißfallen anzeigt. In manchen Orten, namentlich im südlichen Deutschland ist das bloße Pochen mit Stöcken, Füßen – wohl aus Bequemlichkeit entstanden – auch Beifallszeichen, besonders beim Hervorrufen angewandt. Anderwärts, im Norden, als Beifallszeichen sehr befremdend, weil es da einen erhöhten Grad von Mißfallen andeutet, dessen erster Grad Zischen, der zweite Pochen (oder Trommeln) und der höchste Pfeifen ist.
Bei der Darstellung der Themen setzt Pietreck vor allem auf „Fallgeschichten“ und begründet das ausführlich hier:
Dieses Buch vergleicht dafür keine Messwerte von Applausometern oder macht Befragungen unter Regisseurinnen und Zuschauern – es basiert vor allem auf Quellenarbeit, die einen Zeitraum von der griechischen Antike bis heute umfasst und ebenso transdisziplinär angelegt ist. Aber auch dabei wird es keine detaillierte Korpus- oder vergleichende Quellenanalyse geben, vielmehr geht es darum, das Publikum erzählbar zu machen, anhand von Geschichtenzu versuchen, Geschichte nachzuzeichnen, herauszuarbeiten, in welche zeithistorischen und gesellschaftlichen Kontexte das Publikum jeweils verstrickt war, welchen Repressalien es unterlag und wie es dagegen aufbegehrte ‒ auch mithilfe des Beifalls. Das methodische Werkzeug der Fallgeschichte wird dabei immer wieder mit theoretischen Überlegungen verknüpft, um nicht allein im Anekdotischen verhaftet zu bleiben. Die Fallgeschichte wird auch deshalb hier herangezogen, um dem Eindruck entgegenzuwirken, es könnte sich bei der Publikumsgeschichte (wie ganz generell bei ,Geschichte‘) um einen stringenten, fortlaufenden Prozess handeln, der sich ohne Abzweigungen und Widersprüche in der Vergangenheit abgespult hat. (S. 14)

Diese Vorgehensweise beschert den Leser:innen eine große Anzahl vergnüglicher Anekdoten und Zitate, die das Buch sehr lesenswert machen.
Publikum und Klatschen haben eine lange und komplexe Geschichte – wann und wo das Klatschen entstanden, bzw. zuerst aufgetreten ist, lässt sich nicht nachvollziehen. Man kann davon ausgehen, dass es sich beim Zusammenschlagen der Hände um ein urmenschliches Verhalten handelt. In Naturvölkern, aber nicht nur da, lässt sich gut beobachten, wie Klatschen als Rhythmus- und Taktgeber für Tanz und Rituale verwendet wird oder auch, um sich in Kampfhandlungen zu motivieren und Gegnern Angst einzuflößen. Der Musikwissenschaftler Hanns-Werner Heister verortet den ,archaischen Ausgangspunkt‘ von Beifall in der mimetischen Zeremonie, „die praktischewie ästhetische Elemente noch unmittelbar vereint und bei der alle Teilnehmer auch aktiv mitwirken.“ (S. 73/74)
Pietreck zeigt auf, dass das, was wir heute als „gebührliches“ Benehmen empfinden – andächtiges Schweigen und unbewegliches Sitzen –, keineswegs ein Naturgesetz ist. Es ist das Ergebnis eines jahrhundertelangen Disziplinierungsprozesses (s. dazu auch mein Buch „Stricken verboten! Die Theatergesetze für Bremen (1820) und Leipzig (1841)“ . Ursprünglich war das Theater ein Ort des Tumults, an dem das Publikum aß, trank und lautstark interagierte. Erst im 18. und 19. Jahrhundert wurde durch Theatergesetze, den Einsatz von Theaterpolizei und architektonische Eingriffe wie die Verdunkelung des Saals ein Prozess der „Reinigung“ eingeleitet. Das Ziel war die Erziehung eines „feinsinnigen Schaubühnenästheten“, doch der Preis war die Entmündigung des Publikums in seiner gemeinschaftsstiftenden Funktion.

Besonders aufschlussreich für die aktuelle Besucherforschung ist Pietrecks Analyse der „Routiniers“. Sie beschreibt, wie erfahrene Besucher das Verhalten unsicherer Neulinge strukturieren. Wenn in Bremen Neulinge für „falsches“ Klatschen abgestraft werden, agiert das Stammpublikum als inoffizielle Theaterpolizei. In der aktuellen Debatte wird dieses Verhalten zunehmend als Klassismus gelabelt: Das „falsche“ Klatschen ist demnach kein bloßer Etikette-Fehler, sondern ein Beleg für die Unkenntnis kultureller Codes, der zur sozialen Exklusion führt. Wer sich im Kulturraum nicht sicher fühlt, bleibt dauerhaft weg.
Hier offenbart sich ein ästhetischer Konflikt. Während für Neulinge der Applaus ein spontaner Ausdruck von Freude ist, empfinden Kenner wie der Journalist Axel Brüggemann den Zwischenapplaus oft als „brutalen Einbruch des Jetzt und Hier“, der den mühsam aufgebauten Nachhall eines Werkes zerstört. Diese unterschiedlichen Erwartungshaltungen führen zu kulturellen Reibungen zwischen den Genres. Während im klassischen Konzert der Zwischenapplaus oft als Sakrileg gilt, sind in Musicals oder bei Pop-Events stürmische Reaktionen und Standing Ovations die Norm (eine ausführliche aktuelle Kritik an Standing Ovations von Janis el Bira unter dem Titel „Bitte bleiben Sie auf Ihren Plätzen“ findet sich auf nachtkritik.de). Pietreck diskutiert hierbei das Phänomen des „Affektstaus“: Der moderne Konzertsaal erzwingt eine körperliche Starre, die sich am Ende oft in exzessivem, fast inflationärem Beifall entlädt. Allerdings nicht ungeordnet:
Im Rahmen von Theateraufführungen hat der angesprochene Schlussapplaus auch heute noch eine festgelegte Funktion als Endpunkt der speziellen Zeitlichkeit, die während des Theaterstückes herrscht. Nach der Errichtungder Vierten Wand fallen die Schauspieler:innen erst jetzt aus ihren Rollen heraus (früher konnte das auch schon mal bei einem Zwischenapplaus der Fall sein) und entlassen sich selbst und die Zuschauer:innen mit ihrer Verbeugung und der Annahme des Beifalls zurück in ihre jeweiligen Alltagsrollen und in die Welt, aus der sie alle ins Theater gekommen sind. Ob der Schlussapplaus selbst Teil der Aufführung ist oder eben den ersten Moment außerhalb der theatralen Inszenierung darstellt, wurde mehrfach diskutiert. Der Literaturwissenschaftler Balz Engler plädiert dafür, Beifall als Teil des Stücks anzusehen, unter anderem da es eine ,Applausordnung‘ gibt, für die noch der Regisseur oder die Regisseurin verantwortlich ist. (S. 77)
Besonders bemerkenswert ist die Bedeutung von politischem Applaus, oft erzwungen oder durch Tricks herbeigeführt. So unterhielt angeblich Kaiser Nero eine Applaustruppe von 5.000 Mann, die die Zuschauermassen entsprechend anheizen sollten. Solschenizyn schreibt in seinem „Archipel Gulag“ und den Direktor einer Papierfabrik, der eigenmächtig mit dem Klatschen nach einer Rede aufhört:
In selbiger Nacht wird der Direktor verhaftet. Mit Leichtigkeit werden ihm aus ganz anderem Anlaß zehn Jahre verpaßt. Doch nachUnterzeichnung des abschließenden Untersuchungsprotokolls vergißt derUntersuchungsrichter nicht die Mahnung:„Und hören sie in Zukunft nie als erster mit dem Klatschen auf! (S. 107)
Im Kapitel Applausverbote beschäftigt sich die Autorin mit der Disziplinierungsgeschichte des Theaters, die sich im Einsatz von Theaterpolizei, von Theatergesetzen (hier waren Akteure und Besucher:innen betroffen) und Applausverboten zeigt. Auch wurde das Umherwandern im Theater im Laufe der Zeit ersetzt durch die Ausgabe von Platzkarten, die die Besucher:innen auf feste Plätze zwang.
Auch wenn die Theaterpolizei schon im 17.Jahrhundert gefordert wurde, war am Berliner Königlichen Nationaltheater 1800 immer noch keine grundsätzliche Disziplin im Publikum eingekehrt: „Ungeniert plauderte man während der Vorstellung mit anderen Zuschauern, schlenderte nach Belieben durch den Saal, lachte laut, knackte Nüsse und warf mit den Schalen. Die ,Theaterpolizei‘, bestehend aus drei Wachsoldaten, solle endlich für die Einhaltung der Ruhe und die Unterbindung undisziplinierten Betragenssorgen.“ So beschwerte sich ein Theaterkritiker der Allgemeinen Theaterzeitung über das ihn umgebende Publikum. (S. 137)

„Das Theater glich einem Irrenhause –
Das Publikum im Theater
des 18. und 19. Jahrhunderts“
Hrsg. von Hermann Korte u. Hans-Joachim Jakob
Ob Applausverbot durch Kaiser Joseph II. für das Burgtheater in Wien, Vorhangverbot für applausheischende Schauspieler:innen oder das „Coulissenreissen“ (das gleiche Thema) angeprangert wurden, die Disziplinierung nahm teils komische Züge an. Giacomo Casanova schrieb dazu in seinen Memoiren:
„Ich kannte die Gebräuche einiger kleiner Höfe Deutschlands nicht und so applaudierte ich ein Solo, das ein Kastrat […] entzückend vortrug. […] Bald darauf erschien ein Offizier, der mir in gutem Französisch mitteilte, der Herrscher befände sich im Theater und es wäre nicht erlaubt, zu applaudieren.“ (S. 148)
Aber auch im 20. Jahrhundert sind Gedanken über Applausverbote zumindest einigen Künstlern nicht fern, so z.B. Arnold Schönberg oder Glenn Gould, der sich noch 1962 für ein Applausverbot aussprach
Trotzdem war es eben jener Arnold Schönberg, der im Jahr 1918 den Verein für musikalische Privataufführungen gründete, in dessen Statuten verfügt war, dass dem Publikum Beifalls-, Missfallens- und Dankesbezeugungen verboten waren, ebenso sollte es keine kritischen Besprechungen in Zeitungen, Zeitschriften, Reklame und Propaganda geben. In Bezug auf die Notwendigkeit von Zuhörer:innen soll Arnold Schönberg auch entsprechend einmal ironisch gesagt haben: „Nur soweit es aus akustischen Gründen unentbehrlich ist. Weil’s im leeren Saal nicht klingt.“ (S.163)
Klatschen gibt es aber natürlich nicht nur im Theater, in der Oper oder im Konzert, sondern auch im Radio, dem TV-Studio (Klatschkonserven) oder im Sport und in der Politik

Im letzten Kapitel „Publikum und Internet“ zieht die Autorin eine Parallele zur digitalen Welt: Das „Liken“ ist die moderne Form des Klatschens. In einer Welt, in der Likes und Klicks als Währung für Relevanz dienen, wird die Geste oft zum automatisierten Anerkennungszeremoniell. Pietreck warnt davor, dass der Applaus – ob analog oder digital – zur Ruhmesmaschine degenerieren kann, die eher die Eitelkeit der Akteure bedient als ein echtes Qualitätsurteil des Publikums darstellt. Dies reicht von der historischen Claque im Paris des 19. Jahrhunderts bis hin zu gekauften Likes und Followern in den sozialen Medien von heute.
Fazit
Wenn wir neues Publikum gewinnen wollen, müssen wir die Räume der Interaktion öffnen. Ein pragmatischer Lösungsansatz zeigt sich im Bremer Beispiel: Dirigent Markus Poschner unterbrach das Konzert und legitimierte die Freude der Neulinge („klatschen Sie, wann und wie oft Sie möchten!“).
Pietrecks Werk ist ein Plädoyer dafür, das Publikum nicht nur als „Klickzahl“ oder disziplinierte Masse zu begreifen, sondern als lebendigen, mitwirkenden Teil des Kunstwerks. Nur durch eine offenere Kommunikation über unsere Rituale – etwa durch moderierte Einführungen oder klare Zeichen der Dirigenten bei Symphoniekonzerten – lässt sich der Klassismus im Auditorium und die Angst vor der „falschen“ Geste überwinden.
Quellen:
- Pietreck, Judith: Zwischen Klatschen und Klickzahl. Eine Kulturgeschichte der Publikumsgeste Applaus. transcript Verlag, Bielefeld 2026.
- Glaap, Rainer: Klassismus in der Kunst II: Abo-Publikum zischt Neuankömmlinge aus. Blogbeitrag auf publikumsschwund.de, 27. Juni 2022.
- Glaap, Rainer: Wann darf ich klatschen? Eine Wiederaufnahme. Blogbeitrag auf publikumsschwund.de, 12. Februar 2025 (unter Bezugnahme auf Axel Brüggemann und Daniel Hope).
- Glaap, Rainer: Coulissen, Claquere und Censoren. Das Theaterlexikon von 1841
- Glaap, Rainer: Stricken verboten! Die Theatergesetze für Bremen (1820) und Leipzig (1841)
Disclaimer: Für die Erzeugung der Bilder und einzelner Formulierungen im Text wurde Google Gemini verwendet.
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