Dies ist ein Gastbeitrag von Peter Wäch von der Plattform J (11.12.2025) mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Die Bühnen Bern präsentieren ihren Geschäftsbericht für die Spielzeit 2024/25 mit der Botschaft einer «leichten Steigerung» der Gesamtzuschauerzahlen und einer «schwarzen Null» beim Finanzergebnis. Bei genauerer Lektüre der Zahlen lässt sich jedoch sehr viel Euphemismus feststellen. Es zeigt sich, dass dieser Erfolg auf einer geschickten Zahlen-Akrobatik beruht, die den signifikanten Publikumsschwund in der teuersten Kernsparte kaschiert. Die grosse Verliererin ist einmal mehr die Oper.
von Peter Wäch
Bildunterschrift zu einem Inzenierungsfoto (aus Urheberrechtlichen Gründen hier nicht abgebildet): In der Oper wurde in der Saison 2024/25 mit der Inszenierung von Richard Wagners «Götterdämmerung» unter der Regie von Ewelina Marciniak erstmalig in Bern ein vollständiger Ring des Nibelungen von Richard Wagner abgeschlossen. Trotzdem ist der Zuschauerschwund in der Oper eklatant.
Der offizielle Tenor lautet: Bühnen Bern habe mit insgesamt 151’920 Besucherinnen und Besuchern die Rekord-Vorsaison leicht übertroffen. Die Musik spielten dabei aber nicht die primären Sparten, sondern das Berner Symphonieorchester (BSO), das mit einem Plus von 3746 Personen den Löwenanteil des Wachstums schultert.
Die Sparte Oper allein unter Direktor Rainer Karlitschek verzeichnet einen Verlust von 6392 Zuschauern (von 35’971 auf 29’579) – und dies trotz der Steigerung der Vorstellungen in Bern von 430 auf 442
Bildunterschrift zu einem Inzenierungsfoto (aus Urheberrechtlichen Gründen hier nicht abgebildet): Das 1903 eröffnete Stadttheater Bern wurde zwischen 2014 und 2017 das letzte Mal umfassend saniert und hat seit mehreren Jahren ein gröberes Problem mit den Zuschauerzahlen im Bereich der Oper, der teuersten der insgesamt vier Sparten von Bühnen Bern.Foto: Andreas Gerber
Schönfärberei der Opernzahlen
Die Zahlen des Geschäftsberichts legen offen, was die Medienmitteilung dezent verschweigt: Die Sparte Oper allein unter Direktor Rainer Karlitschek verzeichnet einen Verlust von 6392 Zuschauern (von 35’971 auf 29’579) – und dies trotz der Steigerung der Vorstellungen in Bern von 430 auf 442. Das muss man ungeschönt als harten Kernschaden bezeichnen. Hier ist noch nicht einberechnet, wie viele der Zuschauer nicht den vollen Preis für ein Ticket bezahlt und zum Teil eine Vorstellung für nur 15 Franken besucht haben.
Oper und Tanz bringen die Rettung
Die Rettung des Desasters ergibt sich durch eine Fusion: Um diesen eklatanten Rückgang zu verschleiern, wird die Kategorie «spartenübergreifend» mit 7255 Zuschauern in Stellung gebracht. Diese beinhaltet das musikalische Grossprojekt «Dido & Aeneas» von Henry Purcell, eine künstlerisch mediokere Produktion der beiden Sparten Oper und Tanz. Nur durch die Addition dieser neuen Kategorie zur Oper gelingt es, ein konstruiertes Plus von rund 860 Personen vorzuweisen und den tatsächlichen Verlust in der reinen Opernproduktion zu relativieren.
Bildunterschrift zu einem Inzenierungsfoto (aus Urheberrechtlichen Gründen hier nicht abgebildet): Die Sparte Tanz ist bei Bühnen Bern erfolgreich, so lässt sich unter anderem auch erklären, warum die spartenübergreifende Produktion der Oper «Dido & Aeneas» von Henry Purcell so viel Anklang beim Publikum fand.Foto: Gregory Batardon
Im Klartext bedeutet das: Ohne das Marketing- und Auslastungs-Highlight «Dido & Aeneas» wäre die Bilanz der Opern-Sparte verheerend ausgefallen. Das Haus schafft es, mehr Aufführungen zu spielen, verliert aber in Wahrheit im traditionellen Opernbereich Publikum in Tausenderhöhe.
Die Erfolgsbilanz der Bühnen Bern fusst damit hauptsächlich auf dem Berner Symphonieorchester BSO unter Krzysztof Urbanski
Ausverkaufte Konzerte im Casino
Die Erfolgsbilanz von Bühnen Bern fusst hauptsächlich auf zwei Säulen: Die eine betrifft das Berner Symphonieorchester BSO unter Krzysztof Urbański. Die Konzerte, insbesondere die ausverkauften Abende «Beethoven» oder «Aus der Neuen Welt», sind der wahre Wachstumsmotor und tragen massgeblich zum positiven Gesamteindruck des Vierspartenhauses unter der Intendanz von Florian Scholz bei.
Eingekaufte «Zauberflöte» als Dauerbrenner
Hinzu kommen ausgewählte Dauerbrenner, allen voran die eingekaufte Produktion von Mozarts «Die Zauberflöte» aus Klagenfurt, was eine Auslastung von 96 Prozent bedeutet. Das wäre in etwa das Gleiche, wenn Bühnen Bern eine fixfertige Musicalproduktion von Webbers «Das Phantom der Oper» einkaufen und von eigenen Leuten bespielen lassen würde. Das Schauspiel-Highlight ist in der Wiederaufnahme die Umsetzung des Bestsellers «Blutbuch» des Bern-Gebürtigen Kim de l’Horizon mit 99 Prozent Auslastung sowie diverse Tanzformate in den Vidmarhallen, die mit nahezu ausverkauften Rängen die Bilanz stabilisieren.
Bildunterschrift zu einem Inzenierungsfoto (aus Urheberrechtlichen Gründen hier nicht abgebildet): Von Klagenfurt eingekauft und bei Bühnen Bern in Dauerschleife aufgeführt: «Die Zauberflöte» von Wolfgang Amadeus Mozart sorgt für gute Zahlen, denn sie ist im wahrsten Sinne des Wortes kein «Aufreger».
Funktionierendes Krisen-Management
Die Führungsetage von Bühnen Bern muss sich den Vorwurf der geschönten, wenn nicht sogar selektiven Berichterstattung gefallen lassen. Sie präsentiert das halbe Glas in der Oper als voll, indem sie die positiven Entwicklungen beim Konzert in den Vordergrund rückt und den operativen Rückschlag im Musiktheater durch die geschickte Umgruppierung von Zuschauerzahlen ausgleicht. Die schwarze Null am Schluss ist somit nicht das Ergebnis eines flächendeckenden Erfolgs, sondern eher ein Beleg für ein funktionierendes Krisen-Management der Zahlen.
Nach der Premiere von Verdis «La forza del destino» am 3. Mai 2026, die von der sehr progressiven Regisseurin Julia Lwowski inszeniert wird, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Publikumsgunst nochmals massiv in den Keller fahren wird.
Grosses Wagnis «Forza»
Im Kern bleibt die Frage, wie die Oper ihr Publikum zurückgewinnen will, wenn die Sparten-eigenen Produktionen derart Zuschauer verlieren. Zählt man die fremde «Zauberflöte» weg, sieht es noch dramatischer aus. Nach der Premiere von Verdis «La forza del destino» am 3. Mai 2026, die von der sehr progressiven Regisseurin Julia Lwowski inszeniert wird (die Plattform J berichtete), ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Publikumsgunst nochmals massiv in den Keller fahren wird.
Über die Entwicklung der Besuchszahlen in der Schweiz habe ich ausführlich in diesem Blogbeitrag berichtet. Einige zentrale Grafiken zeigen die historische Entwicklung.


Den vollständigen Beitrag findet man hier.
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