in Publikumsschwund

Pinkelpause im Theater? Klappt für Frauen nicht immer!

Nur Stehen! Foto: Der Autor

Ein Beitrag im aktuellen Spiegel mit dem Titel „Die Macht der Urinale“ über fehlende Toiletten von Frauen in Stadien erinnerte mich daran, dass ich im beruflichen Zusammenhang bereits 2019 einen Blogbeitrag über das Thema der fehlenden Frauentoiletten in deutschen Kultureinrichtungen geschrieben hatte. Auslöser für den Beitrag war mein Vortrag „Thesen und Fakten zum unbekannten Wesen Publikum“ auf der „Theater und Netz Vol. 6“ Konferenz der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin am 6.5.2018. Unter anderem sprach ich dort über die Servicequalität von Theatern, die sich auch daran festmachen lässt, wie viel Zeit Frauen in der Pause für einen Sekt haben – nämlich oft gar keine. Das war sogar dem Deutschlandfunk eine Bemerkung wert. Die Journalistin hatte kurz hereingeschaut und berichtete: „Der Mann vom Ticketinganbieter XXX sprach über Toiletten. Naja.“ (Sinngemäß).

Hier mein Blog-Beitrag von damals:

Blogbeitrag: Hamilton oder: die Toilettenfrage

Autor: Rainer Glaap
Datum: 28.11.2019

‘Hamilton’ ist ein weltberühmtes, mit vielen Preisen ausgezeichnetes Hip-Hop Musical, das 2015 Premiere hatte und seitdem sehr erfolgreich läuft.Seit einiger Zeit auch im Forrest-Theatre in Philadelphia.

Dort gibt es regelmäßig in den Pausen ein Phänomen, was auch in deutschen Theatern und Opernhäusern nicht unbekannt ist: lange Schlangen vor den Frauentoiletten. Das Phänomen ist noch nicht ausreichend untersucht, allerdings hat sich nachtkritik.de vor einiger Zeit zumindest mal den Herrentoiletten in Berliner Theatern einem Selbstversuch unterzogen.

Warum gibt es dieses Phänomen? In Herrentoiletten hängen bekanntlich viele Urinale neben den ebenfalls vorhandenen Kabinen, in Frauentoiletten gibt es nur Kabinen – also deutlich weniger Möglichkeiten. Die Pausen sind kurz bemessen, wer aus dem zweiten Rang kommt und noch schnell auf dem Weg zum Sekt eine Toilette aufsuchen will, muss sich oft zwischen beiden entscheiden (wer hat schon mal die Wege mit einer Stoppuhr gemessen?).

Bei ‘Hamilton’ nun hat sich eine Platzanweiserin (engl. Usher) dieses Problems angenommen. Tanya Heath ist selbst Sängerin und hat schon dreimal vergeblich für eine Rolle bei eben dieser Produktion von ‘Hamilton’ vorgesungen. Als Platzanweiserin organisiert sie den Toilettenbesuch so, dass alle Frauen rechtzeitig nach der Pause wieder an ihrem Platz sein können:

“Ladies and gentlemen, may I have your attention please. We are at minute five out of a 20-minute intermission, which means I have 15 minutes to get you into this bathroom. I’ve formed a serpentine line. And it works. It only takes about six minutes from that door to get you in this bathroom.”

Ü: [“Meine Damen und Herren, kann ich bitte Ihre Aufmerksamkeit haben? Wir sind bei Minute 5 einer zwanzigminütigen Pause. Ich habe jetzt 15 Minuten, Sie in diese Toiletten zu bekommen. Ich habe eine Schlange gebildet. Und sie funktioniert! Es braucht ungefähr 6 Minuten von dieser Tür hier, bis Sie die Toilette betreten können.”]

Nun ist diese Art der Organisation vielleicht nicht überall möglich, die Frage ist aber schon, wie den Besucherinnen von Kultureinrichtungen besser geholfen werden kann. Bauliche Veränderungen sind vielleicht nicht immer möglich, einfache Lösungen wie letztens auf Kampnagel, wo die Schilder an den Toiletten überklebt waren mit “Nur Sitzen” und “Stehen und Sitzen”. Manche rufen nach Unisex-Toiletten. In den Kommentaren zum Zeitungsartikel schreibt eine Frau, sie würde bei langen Schlangen an der Damentoilette einfach die Herrentoilette aufsuchen und sei noch nie davon abgehalten worden.

Stehen und Sitzen, Foto: Der Autor

Warum ist das alles wichtig? Weil Service Teil des Erlebnisses eines Theaterbesuchs ist – und auch bei der Beurteilung desselben eine Rolle spielen wird. In einer Besucherstudie am Staatstheater Karlsruhe 2015 schnitten die sanitären Anlagen am zweitschlechtesten ab bei der Frage nach der Zufriedenheit: 6,3% der Befragten waren (sehr) unzufrieden, schlechter schnitt nur noch die Barrierefreiheit ab.

Den vollständigen Artikel im Philadelphia Inquirer lesen Sie hier.

Den Blogbeitrag über Usher lesen Sie hier. [Derzeit leider nicht verfügbar]

Die vollständige Studie zur Besucherzufriedenheit finden Sie hier zum download.

Den Beitrag von Michael Wolf zu den Herrentoiletten „Dann lieber wildpinkeln“ vom 6.9.2018 finden Sie auf nachtkritik.de.

Dieser Beitrag hätte rechtzeitig zum Welttoilettentag am 19.11. erscheinen sollen. Leider hat das nicht geklappt.


Der Spiegel berichtet leicht ironisch, was der Sache eher unangemessen ist. Die überwiegende Mehrheit der Kommentare unter dem Spiegel-Post auf Facebook lässt einen im besten Falle ratlos zurück.

Ausgelöst hat die aktuelle Berichterstattung dieser Insta-Post Julia Post:

Quellen


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