in Publikumsschwund

Theaterstatistik Österreich – Besuche bis 2023/24

Im Frühjahr 2025 hatte mich Fabian Burstein vom Podcast Bühneneingang gefragt, ob ich Lust und Interessse hätte, meine Untersuchungen der Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins auf die österreichischen Daten auszuweiten. Das habe ich umgehend gemacht (s. hier) und wir haben die Erkenntnisse im Podcast #37 diskutiert. Als aufmerksamer Beobachter meines Blogs hatte Fabian mitbekommen, dass im März d.J. die neue Ausgabe der Theaterstatistik erschienen war und ich umgehend die Zahlen in meine Untersuchungen eingearbeitet hatte (Links s.u.). Was lag näher, als auch die österreichischen Besuchszahlen etwas genauer in den Blick zu nehmen (Podcast #90) .

Die hier jetzt vorliegende Auswertung ist eine Erweiterung meiner Analysen der Besuchszahlen für Österreich um die Daten aus der Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins für 2023/24, Anhang Österreich.

Die Untersuchung der Zahlen ergibt, dass in den meisten Theatern die Besuchszahlen von 2018/19 noch nicht wieder erreicht sind.

Alle Caveats aus meinem ursprünglichen Artikel gelten auch hier.

Die Vollständigkeit der Daten kann nicht garantiert werden. So fehlten in 2022/23 die Besuchszahlen für das Burgtheater, in 2023/24 fehlen die Besuchszahlen für die Volksoper. Der Bühnenverein ist informiert. Auch in der deutshen Theaterstatistik fehlen fast in jedem Jahr Angaben, die aber i.d.R. ausgewiesen sind – nicht immer melden alle Theater ihre Zahlen (rechtzeitig).

Die fehlenden Daten für das Burgtheater und die Volksoper wurden aus den im Internet publizierten Geschäftsberichten entnommen und um die Freikarten bereinigt, da für die österreichische Theaterstatistik nur bezahlte Karten gemeldet werden, während die Daten für Deutschland auch die Steuer-, Gebühren-, Presse, Frei- und sonstige rabattierte Karten enthält (s. gesonderte Auswertung hier). Auch daraus können Unschärfen entstanden sein.

Die Auswertungen: 3 Grafiken und 1 Tabelle

Das Dashboard

Grafik 1 (interaktiv): Die Bedienung der interaktiven Darstellung ist einfach: Stadt, Theater oder Spielstätten können aus Dropdown-Listen ausgewählt werden. Die Vorauswahl bezieht sich jeweils auf alle Angaben. Ausgewählte Städte etc. werden blau gekennzeichnet. Möchte man wieder zur Vollauswahl zurück, genügt die Tastenkombination STRG-A zur Auswahl aller Elemente). Die Sparten werden per Checkboxen ausgewählt (Default: an), dazu können die Werte ein- und ausgeblendet werden sowie zwei Linien, die die Summe der ausgewählten Sparten anzeigen sowie zum Vergleich die Gesamtsumme der Besuche. Wahlweise können die Genres komplett oder einzeln betrachtet werden.

Tabelle: Darunter wird eine Tabelle mit den ausgewählten Werten und ihren Summen angezeigt, praktisch zur Qualitätssicherung der Daten.

Grafik 2: Abweichung in % zur Vorperiode der Auswahl aus Dropdown-Listen und Checkboxen

Grafik 3 (interaktiv): Die dritte Grafik zeigt die Abweichung(en) in % von 2023/24, einmal zu 2018/19, der letzten vollständigen vorpandemischen Spielzeit, und zu 2022/23, der vorhergehenden Spielzeit.

Theaterstatistik Österreich: Dashboard

Theaterstatistik Österreich: Besuchszahlen (absolut)

(c) Copyright Rainer Glaap

Theaterstatistik Österreich: Veränderung zur Vorperiode (in %)

(c) Copyright Rainer Glaap

Theaterstatistik Österreich: Tabellarische Übersicht

Theaterstatistik Österreich: Abweichungs-Analyse

(c) Copyright Rainer Glaap

Erkenntnisse

Aus der ersten Grafik ist zu entnehmen, dass die Besuchszahlen 2023/24 sich im Vergleich zur Vorperiode nur unwesentlich um 3,3% gesteigert haben. Die vorpandemischen Zahlen sind damit noch nicht wieder erreicht.
Wenn man einzelne Genres selektiert, sieht man für die Oper ein leichtes Minus von 1,2%, für die Operette eine Steigerung von 15,7%, fürs Schauspiel einen minimalen Rückgang von 0,2% und für den Tanz eine minimale Zunahme um 0,4%.

Wenn man einzelne Städte betrachtet, ergeben sich für Wien eine Zunahme um 6% über alle Sparten, fürs Burgtheater +8,9%, für die Staatsoper +7,4%. Letztere hat mit 611 Tsd. Besuchen fast vorpandemische Zeiten erreicht, 2018/19 waren es 628 Tsd. Besuche. Das Burgtheater ist mit 341 Tsd. Besuchen in 2023/24 noch weit entfernt von den 415 Tsd. Besuchen 2018/19.

Die dritte Grafik zeigt eine Abweichungsanalyse. Die Zahlen von 2023/24 werden für einzelne Städte bzw. Häuser verglichen mit dem Vorjahr und/oder mit 2018/19. Um die Übersicht klarer zu gestalten, können statt beider Abweichungen die Vergleichsspielzeiten auch einzeln angezeigt werden. Es ist deutlich sichtbar, dass einige Städte/Häuser ihr altes Potential noch nicht erreicht haben, insbesondere stechen hervor das Theater in der Josefstadt mit 34,1%, das Theater der Jugend mit 25%, das Volkstheater mit 20%. Die Staatsoper ist hingegen nur noch mit 2,7% von ihrem Hoch in 2018/19 entfernt.

Die große Aufholjagd bei den Besuchszahlen war 2022/23. Die große Frage war: konnte an diese Aufholjagd angeschlossen werden? Spitzenreiter bei der Zunahme ist St. Pölten mit 21,3%, das Theater in Baden folgt mit 14,0%, das Theater der Jugend mit 11,8% und das Volkstheater mit 10,5%. Allerdings gab es auch wieder Rückschritte bei den Besuchszahlen, namentlich in Graz mit 15,1%, sowie in Innsbruck mit 9% und in Bregenz mit 8,6%.
Die folgende Grafik zeigt die Besuchsentwicklung des Volkstheaters. Anna Badora war Intendantin von 2015 – 2020, von ihr übernahm Kay Voges die Intendanz (mittlerweile in Köln).

Volkstheater, Wien, Besuchszahlen seit 1970/71

Schon seit 2000 ließen die Besuchszahlen stark nach, Anna Badora hatte eine wenig glückliche Hand. Kay Voges übernahm ein Haus, das gerade renoviert wurde. Zudem überschattete die Pandemie ab März 2020 alles. 2022/23 machte das Haus einen großen Sprung nach vorne und legte 2023/24 noch einmal nach. Die vorpandemischen Zahlen konnten dennoch nicht erreicht werden. Kay Voges ist mittlerweile ans Schauspiel Köln gewechselt.

Die nächste Theaterstatistik (2024/25) wird aller Wahrscheinlichkeit nach im Jahr 2027 erscheinen.

Anlage: Ermittlung fehlender Zahlen

Wie oben beschrieben, fehlen in der Theaterstatistik für 2022/23 die kompletten Zahlen für das Burgtheater, in 2023/24 werden für die Volksoper nur 2647 Besuche angegeben. Beide Angaben sind falsch.

Zur Ermittlung wurden jeweils die Geschäftsberichte der Häuser herangezogen (Burgtheater hier, Volksoper hier):

Geschäftsbericht Burgtheater 2022/23: Besuchszahlen

Da für die Theaterstatistik des DBV von Österreich üblicherweise nur bezahlte Karten gemeldet werden, habe ich die Entscheidung getroffen, einen Teil der o.a. Zahlen nicht zu verwenden. Das ist in dieser Tabelle nachvollziehbar:

Die Daten von oben, Gesamt2 (rechts) enthält die hier übernommen Daten

Für die Berechnung der Daten für die Volksoper habe ich diese Zahlen aus dem Geschäftsbericht 2023/24 übernommen und aufgeteilt:

Geschäftsbericht der Volksoper 2023/24 (Auszug)

Da die Besuche im Geschäftsbericht nicht auf die Sparten aufgeteilt sind, in der Theaterstatistik aber schon, habe ich das langjährige Mittel der Anteile in Prozent ermittelt und die 311.192 Besuche entsprechend aufgeteilt:

Aufteilung der Besuche gemäß der langjährigen Anteile in %

Für Fehler (weder für eigene noch für fremde) in den Daten übernehme ich keine Haftung. Freue mich aber über Rückmeldungen oder Angebote zur Mitarbeit bei der weiteren Auswertung der Daten.

Quellen

Theaterstatistik AT: Werkstattbericht Vibe Coding

Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins
Glaap, Rainer: Publikumsschwund? Ein Blick in die Theaterstatistik seit 1949, Springer, 2024

Weitere interaktive Online-Grafiken

Theaterstatistik BRD: Besuchsdaten BRD / DDR
Theaterstatistik BRD: Vertriebsarten (Tageskarten, Abos, Besucherorganisationen, Frei- und Gebührenkarten etc.)
Theaterstatistik BRD: Besuche nach Sparten
Theaterstatistik BRD: Betriebszuschuss pro Bundesland seit 2000/01
Theaterstatistik BRD: Metropolregion Nordwest (Bremen, Oldenburg, Bremerhaven)
Theaterstatistik BRD: Personal

Theaterstatistik AT: Besuche & Abweichungen in %
Theaterstatistik AT: Subventionen u. Betriebseinnahmen (inflationsbereinigt)


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