Der Januar ist fast vorbei, die ersten Rückblicke von Kultureinrichtungen zu ihren Besuchszahlen in 2025 werden veröffentlicht.
Grundsätzlich freuen sich alle in der Kultur, wenn die Besuchszahlen steigen.
Leider gibt es in der Kommunikation immer wieder Missverständnisse. Ein besonders Ärgernins: die Verwechslung von Besuchen und Besucher:innen (oder, wie das Theater Magdeburg in seiner Pressemitteilung schreibt: „Besuchende“).
Magdeburg schreibt von 167.000 Zuschauenden in 2025 (2024: 159.549). Ob die Auslastung „somit“ (Pressemiotteilung) bei 84,9% lag, können wir Lesende an dieser Stelle nicht ermitteln, wir kennen weder die Kapazitäten, die das Haus vorgehalten hat, noch die Sperrungen, mit denen die Kapazitäten möglicherweise beeinflusst wurden (mehr zum Thema Sperrungen und Kapazitäten findet sich in meinem Buch „Publikumsschwund?“).
Der Grundfehler ist aber, über Zuschauer/Besucher/Zuschauende zu berichten. Die angegebenen Zahlen beziehen sich sicher auf ausgegebene Karten. Wie viele verschiedene Menschen diese Karten gekauft/erhalten haben, ist aber nicht leicht ermittelbar.
Modellrechnung für ein Stadttheater mit 170.000 Besuchen
Am einfachsten ist das Thema am Beispiel von Abonnent:innen erklärt (ganz unabhängig von Magdeburg, die Abozahlen sind nicht bekannt):
Nehmen wir an, 5.000 Menschen haben in einem Mehrspartentheater ein Abonnement. Fast alle Menschen gehen zu zweit ins Theater. Das sind dann 10.000 Menschen. Wenn diese ein Abo für 10 Vorstellungen haben, sind das immer die gleichen 10.000 Menschen (=5.000 Partnerschaften/Haushalte), sie stellen damit 10.000 x 10 = 100.000 Besuche.
Bei durchschnittlich 17% Karten handelt es sich um Frei-, Gebühren-, Pressekarten und Karten mit sonstigen Ermäßigungen (=28.900 Besuche).
Bleiben für ein durchschnittliches Stadttheater mit ca. 170.000 Besuchen noch 41.100 Besuche von ausgegeben Karten über Tages/Abendkasse und Webshop.
Für die Onlinekäufer ist die Anzahl der Besucher im Ticketingsystem leicht ermittelbar. Bleibt noch ein Rest: die anonymen Käufer an der Tages- und Abendkasse. Darunter sicher auch „Wiederholungstäter“, also Menschen, die mehrfach ins Theater gehen, aber kein Abo haben. Die Anzahl der Besucher ist hierfür nicht ermittelbar, da diese Käufe in der Regel anonym erfolgen.
Wenn man mit der Annahme rechnet, dass die Menschen, die KEIN Abo haben, ca. 2x im Jahr ins Theater gehen, erhalten wir diese Rechnung über Besuche und Besucher:

In diesem Modellfall ergeben also 170.000 Besuche im Theater eine Anzahl von ca. 31.000 unterschiedlichen Menschen, die ins Theater gehen. Bezogen auf eine Stadtgesellschaft ist das i.d.R. ein eher kleiner Anteil (ca. 1/5 der üblicherweise „Besucher“ genannten ursprünglichen Zahl).
Theater Magdeburg u. Freie Kammerspiele: Besuchszahlen seit 1990/91
Wer jetzt neugierig geworden ist auf die historischen Besuchszahlen für das Theater Magdeburg, findet hier einen Überblick für ausgewählte Jahre aus der Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins. Mit der Wiedervereinigung wurden die Zahlen der ostdeutschen Bundesländer erstmals in der Theaterstatistik für 1990/91 ausgewiesen.

Grafik: Rainer Glaap (c)2026
Nach der Wende wurden 1991 die unabhängigen Freien Kammerspiele gegründet. Aus wirtschaftlichen Gründen wurden Theater und Freie Kammerspiele zur Spielzeit 2004/05 fusioniert und unter eine gemeinsame Leitung gestellt. Mit 2018/19 haben wir immer die letzte vollständige Spielzeit vor der Pandemie, 2022/23 war sicher noch vom Besucherrückgang der Pandemie geprägt. Neuere Zahlen liegen leider noch nicht vor, die nächste Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins zu 2023/24 erscheint vermutlich im Frühjahr 2026.
Die in der Pressemitteilung des Theaters genannten Zahlen beziehen sich auf die Kalenderjahre 2024 und 2025, können also hier nicht zum Vergleich herangezogen werden.
Quelle:
Theater Magdeburg: Theater des Jahres zieht Bilanz: Mehr Besuchende und Einnahmen, PM 9.1.2026 (PDF)
Theaterstatistik, Deutscher Bühnenverein, Besuchszahlen aus den o.a. Jahrgängen
Glaap, Rainer: Publikumsschwund? Ein Blick in die Theaterstatistik seit 1949, Springer, 2024
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